19. November 2017

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Dokumentation: Offener Brief an das Internationale Olympische Komitee – An den Präsidenten des IOC Thomas Bach

Thomas Bach © dapd
Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Sehr geehrter Herr Dr. Thomas Bach, dieser Brief ist nur verständlich, wenn Sie auch die angegebenen Internetquellen einbeziehen, weil sie das Gesagte anschaulich machen. Sie werden uns zustimmen, wenn wir sagen, dass der Reitsport die einzige olympische Disziplin ist, in der der Mensch um Medaillen und Anerkennung kämpft mit Hilfe […]

 

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Sehr geehrter Herr Dr. Thomas Bach, dieser Brief ist nur verständlich, wenn Sie auch die angegebenen Internetquellen einbeziehen, weil sie das Gesagte anschaulich machen.

Sie werden uns zustimmen, wenn wir sagen, dass der Reitsport die einzige olympische Disziplin ist, in der der Mensch um Medaillen und Anerkennung kämpft mit Hilfe eines Tieres, das für ihn Höchstleistungen zu diesem Zweck erbringen muss. Der Dank des Menschen an das Pferd ist oft der Schlachter, weil geschätzte 70-80 % der leistungssportlich trainierten Pferde mit ca. acht Jahren verschlissen sind.

Aufrufe und Petitionen mit dem Ziel von Regeländerungen bis hin zum Verbot des Reitsports sind in den letzten Jahren erfolgt und haben wenig bewegt in den Reitsportverbänden.

http://academialibertideutschland.blogspot.de/2009_01_01_archive.html

http://www.gopetition.com/petitions/against-equestrian-sport.html

Das ist erklärbar aus den in der Geschichte verwurzelten Strukturen erfolgreicher Nationaler Reitsportverbände in der FEI. Dahinter stehen harte finanzielle Interessen von Züchtern und Besitzern, die das Pferd als Nutztier betrachten, vergleichbar mit Hühnern oder Schweinen in Mastbetrieben, die aber glücklicherweise nicht zur Olympiade müssen.

Die teuren Pferde, ebenfalls Herdentiere, werden aber nicht durch Massentierhaltung gefoltert, sondern oft durch Einzelhaltung, da sie sich ja in der Herde anstecken oder verletzen könnten. Auf dem Weg zu Höchstleistungen werden Pferde mit nahezu sadistischen Mitteln gedrillt, die von den erfolgreichen Reitern, Trainern und Besitzern meist verharmlost, geleugnet, verdrängt oder bewusst in Kauf genommen werden.

Auf den Missbrauch des Pferdes mit Hilfe der Rollkur, in der das Kinn des Pferdes auf die Brust gezogen und das Rückenband überspannt wird, haben Prof. Heinz Meyer und Dr. Gerd Heuschmann hingewiesen und in dem Video „Stimmen der Pferde“ überzeugend nachgewiesen, wie wissenschaftlich fundiertes anatomisches Wissen missachtet wird und schwere Schädigungen hauptsächlich im Lendenwirbelbereich entstehen.

Dr. Heuschmann räumt auf mit der weit verbreiteten Auffassung, dass der große Rückenmuskel (weil man ja drauf sitzt) den Reiter trägt. Er verspannt, wenn er vom Bewegungsmuskel zum Haltemuskel umfunktioniert wird. Das Pferd ist nicht geboren, Reiter zu tragen, wie auch die Kuh, Hunde oder andere Vierbeiner. Es trägt sich selbst am besten, wie es grast, mit dem Kopf nach vorn abwärts gedehnt. Die Versammlung ist eine Form, wie sie nur im Dressursport gefordert wird. Sie verhindert eher einen entspannten Bewegungsablauf des Pferdes, weil sie die Nick- und Pendelbewegungen des Kopfes einschränkt, mit denen sich das Pferd normalerweise ausbalanciert.

Der Protest betroffener Reiter der Spitzenklasse, die im Video als Negativ-Beispiele unkenntlich gemacht wurden, aber anhand ihrer Pferde identifizierbar waren, konnte nicht verhindern, dass Gerd Heuschmann weltweit als Referent gefragt ist. Im Focus der Kritik steht plötzlich das Dressurreiten, welches die Gesundheit des Pferdes für sich gepachtet zu haben glaubte. Einzelne Spitzenreiter, erstaunlicherweise bei der anspruchsvollsten Disziplin Vielseitigkeit, zeigen Sympathie für Heuschmann & Co, aber befürchten vermutlich Nachteile im Falle einer offenen Solidarität. Problematisch ist, dass Spitzenreiter allgemein Vorbilder sind für viele ReiterInnen und Kinder im Freizeit- und Nachwuchsbereich.

Gerd Heuschmann hofft und wünscht sich eine Rückbesinnung auf die guten Tugenden alter Meister der Dressur, die allerdings auch den Schmerz als Mittel zu Beherrschung des Pferdes nutzten. Wie es scheint, kann das nur eine gute Hoffnung sein.

Nicht nur das Profitinteresse sondern auch das Regelwerk stehen im Wege.

Die Turnierpferde müssen alle mit Gebiss/Kandare geritten werden, die schwere Traumatisierungen im Maul erzeugen können. Bilder von Pferden, die gegen das Gebiss gehen, kann man massenhaft auf Turnieren aller Leistungsklassen beobachten. Aufrecht erhalten wird die Illusion, dass ein
„guter“ Reiter mit weicher Hand auf das Pferd schmerzfrei einwirken könne.

Sogenannte „feine Hilfen“ sind in Wirklichkeit oft das Tor für den Missbrauch, denn, wenn die feine Hilfe nicht durchdringt, wird meist zur groben Hilfe gegriffen, gerade unter dem Druck des Wettkampfes. Schmerz ist nicht messbar, sondern nur indirekt über die Reaktion des Pferdes zu diagnostizieren.

Das Pferd lernt so durch negative Verstärkung (Schmerz), obwohl gerade das ängstliche Fluchttier Pferd besser durch positive Verstärkung (Lob) lernt und zusätzlich Vertrauen zum Menschen entwickelt.

Paradox ist, dass Remonte-Pferde (Ausbildung im 2 – 4/5 Jahr, Wiener Hofreitschule 7 Jahre) ohne Gebiss eingeritten werden sollen aber dann für die höheren Aufgaben Gebiss und Kandare vorgeschrieben werden. Die Einwirkung des Reiters, d.h. das Können des Reiters wird bei der Olympiade nicht bewertet, sondern die gelungene Vorstellung des Pferdes bei spektakulären Dressur- und Springübungen, die nur in extremer Verspannung und unter Schmerz des Pferdes möglich sind.

Die Untersuchungen von Dr. Cook, Dr. Strasser und Dr. Heuschmann sind eindeutig und jederzeit überprüfbar durch moderne wissenschaftliche Forschung.

Warum werden sie negiert oder bagatellisiert, anstatt sie konstruktiv zu nutzen?

http://www.bitlessbridle.com/Article-8.pdf

Pferde mit gebissloser Zäumung, sogar ohne Zügel, sowie ohne schädigenden Hufbeschlag haben mittlerweile nachgewiesen, dass sehr gute Dressur-, Distanz- und Springprüfungen, möglich sind, nicht nur, weil der künstlich erzeugte Speichelfluss durch das Gebiss die Atmung beeinträchtigt und Magen- sowie Lungenprobleme erzeugen kann. Bei 100 m – Sprintern weiß man schon seit langem, dass die Entspannungsfähigkeit ein entscheidendes Kriterium für die Bewegungsqualität und Schnelligkeit ist.

Gebisslos gerittenen Pferden wird aber durch das Regelwerk verboten, an Turnieren der Reiterlichen Vereinigung teilzunehmen (eigenartige Ausnahme: Springreiten in der Anfängerklasse).

Die Haftpflichtversicherer für Pferde haben sich die Erkenntnis, dass das Unfallrisiko geringer ist, zueigen gemacht und versichern mittlerweile auch Pferde, die ohne Gebiss geritten werden. Gleichwohl wird die irrationale Angst verbreitet, dass man die Kontrolle über ein Pferd ohne Gebiss eher verliert.

Ein Pferd geht durch mit oder ohne Gebiss, wenn es in Todesangst gerät. Das weiß jeder Reiter! Deshalb reiten die meisten Gebiss-Reiter fast nur auf dem Reitplatz (Halle), weil sie sich dort sicherer fühlen.

Die Erfahrung zeigt, dass das Fluchttier Pferd auf bedrohliche Ereignisse gelassener reagiert, wenn es Erfahrungen derselben ohne Schmerz machen kann.

Die olympische Bewegung hat sich seit Coubertin weiterentwickelt und ist auch in ihrem Selbstverständnis zu einer Veranstaltung geworden mit enorm kommerziellen Charakter. Im Zusammenhang mit Reiten werden geschätzte 4 Milliarden € im Jahr allein in Deutschland umgesetzt, was anerkanntermaßen auch Arbeitsplätze schafft. Das kann aber kein Argument sein für eine Fortführung dieses Missbrauchs.

Im Umgang mit dem Pferd ist das Pendel von respektvollem Umgang (siehe Xenophon) bis zum folterähnlichen Missbrauch in der Geschichte mehrmals hin und her geschwungen.

Das heutige Sportreiten ist leider geprägt durch vermehrten Mißbrauch, obwohl das Pferd dem Reiter nicht mehr bis in den Tod gehorchen muss.

Das galt in der Zeit, wo die Kavallerie maßgeblich in den kriegerischen Kämpfen (bis zum ersten Weltkrieg) beteiligt war. Danach konnte sich der Reitsport, auch Reitkunst genannt, unabhängig vom Militär entwickeln. In Deutschland hat der Nationalsozialismus eine kritische Reflexion des totalen Gehorsamsprinzips verhindert. Deutschland ist im Reitsport traditionell erfolgreich und einflussreich. Deshalb sind Impulse aus Deutschland wichtig.

Eine ähnliche Entwicklung gab es im Fechtsport, nur dass diese etwas früher stattfand mit Erfindung des Schießpulvers, wodurch Fechten sich frei von der militärischen Notwendigkeit und dem Kampf auf Leben und Tod entfalten konnte. Im modernen Sportfechten haben sich Regeln und Material zum Schutze des Menschen mit dem technischen Fortschritt verändert (Kevlar-Anzüge, Maraging-Klinge u.a.). Im Boxen wurde ein Kopfschutz eingeführt.

Warum schützt man nicht das Pferd gleichermaßen vor Verletzungen und Schmerz?

Die Änderungen in der Ausrüstung beim Reiten und dem Regelwerk sind minimal im Vergleich zu den Zeiten als es noch um Leben und Tod ging.
Dagegen hat sich eine Bewegung im Sport- und Freizeitreiten entwickelt, die basierend auf fundierten modernen anatomischen Kenntnissen und horsemanischer Erfahrung, aus diesem Olympischen Prozess ausgeschlossen ist, weil sie die Versklavung des Pferdes ablehnt und durch das Reglement an einer Teilnahme ausgeschlossen ist.

Warum sollte ein Pferd z.B. mit Halsring geritten nicht zugelassen werden, wir sprechen ja hier nicht von einer „Erleichterung“ für den Reiter, sondern es ist im Grunde für den Dressurreiter mit viel mehr „richtigem“ Reiten verbunden, die „gleiche Leistung“ zu erzielen.

Grundsätzlich sollten alle Arten von „sanfteren“ Zäumungen erlaubt sein, solange sichergestellt ist, dass der Reiter sein Pferd auch wirklich „unter Kontrolle“ hat. Potentielle Marterinstrumente wie Gebiss/Kandare, Sporen, Gerte u.a. müssen auf den Prüfstand und bei Missbrauch im Training,
wie im Wettkampf, geahndet werden wie Doping, die Altersgrenzen der Pferde insbesondere bei Materialprüfungen generell angehoben werden, sowie das Wort „Materialprüfung“ allein schon muss verboten werden.

Da wir glauben, dass eine Erneuerung unter den jetzigen Bedingungen vom Internationalen Reitsportverband und seinen Landesverbänden nicht allein gelingen kann aufgrund der geschilderten Strukturen und Traditionen, bedarf es äußerer Anstöße, um eine Bewusstseinsänderung im Denken der aktiven ReiterInnen und Reitverbände, wie auch derZuschauer, im Sinne einer Humanisierung im Reitsport zu bewirken.

Wir hoffen, dass Ihre fundierten Kenntnisse im Fechtsport hilfreich sind, die Verhältnisse im Reitsport zu beurteilen. Sie können, auch wenn sie kein Reiter sind, in Natura und im Internet sehen, wie Pferde weiterhin in Wettkampf und Training missbraucht werden.

Kosmetische Änderungen in den Regeln und den Ausbildungsrichtlinien, auf die Vertreter der FN verweisen, haben kaum etwas bewirkt.

http://www.pro-equo-bw.com/berichte/pferdesport-und-tierschutz/

Ein Appell an Sie, Herr Thomas Bach und die Mitglieder des Olympischen Komitees: Bitte setzen sie sich für die Kunst im Reitsport ein, indem sie dafür sorgen, dass dieser Reitsport solange aus dem Programm der Olympischen Spiele ausscheidet, bis durch die Änderung der Regeln und ihre Umsetzung in die Praxis gewährleistet ist, dass der Missbrauch der Pferde nachhaltig ausgeschlossen werden kann, vereinbar mit der
Olympischen Idee.

Fairness auch Tieren gegenüber!

In der Presse ist zu lesen, dass Sie mit großer Zuversicht Ihre geplanten Olympia-Reformen vorantreiben. In der Begegnung mit dem Papst ging es darum, Zitat, “ unsere Werte zu betonen und deutlich zu machen, dass wir eine wertebasierte und werteorientierte Organisation sind“.

Der geschilderte Missbrauch der Pferde im Sport ist aus unserer Erkenntnis physisch und psychisch gravierender als Doping und kein Einzelfall, sondern gängige Praxis.

Wir wissen, dass Sie Herr Dr. Bach die Regeln im Reitsport und unzureichende Gesetze im Tierschutz nicht ändern können, aber Sie können ihr Gewicht geltend machen, die unzeitgemäße Versklavung des Pferdes zu beenden, zumindest im Olymp des Sports.

Mit sportlichem Gruß
Bernd Paschel, 17.03.2014
(Diplomsportlehrer-Dozent i.R)
Email: berndpaschel@gmx.de
Website: www.berndpaschel.de

Unterstützer:

Judith Walther – Schweiz, Pilar Navajas Costa – Espana, Ute Bräuer – Deutschland , Prof. Dr. Ingrid Bähr – Hamburg, Francesca Conigliaro – Italien, Simone Hopp – Bad Homburg, Dr. FrankHerold – Birmingham, Janina Budenz – Karben, Ann-Kathrin Schöppner – Grebenhain, Anja Meckel – Wiesbaden, Melanie Unger – Frankfurt/Main, Anita Priemer – Rosbach, Friederike Horas
– Frankfurt/Main, Dr. Bernd Holstiege- Frankfurt/Main (und weitere SportpädagogInnen und ReiterInnen)

Anhang:

Sprüche von alten und jungen Meistern:

„Dein Pferd sei zuverlässiger Freund, nicht Sklave.“
(Xenophon)

„Das Pferd hat keinerlei Verpflichtung, den Menschen zu verstehen und ihm zu dienen. Trotzdem ist das Pferd bereit, den Menschen zu tragen und seine Lasten zu ziehen. Das ist ein großes Opfer, für das der Mensch dankbar sein muss. Am Besten und Schönsten ist das Pferd unter seinesgleichen. Großartig ist es, wenn der Mensch dies versteht und das Pferd so liebt wie es sein soll: Frei.“
(Frans Toivola)

„Die Anatomie und die Psyche des Pferdes gibt seinen Ausbildungsweg vor.“
(Gerd Heuschmann)

„Hufbeschlag als absoluter Schmerzausschalter ist reinstes Doping“
(Hiltrud Straßer)

„Geschmeidigkeit und Losgelassenheit sind die Vorbedingungen für den Freiwilligen dargebotenen Gehorsam, nicht für die qualvolle Unterwerfung des Pferdes.“
( Guériniére)

„Ein Tänzer, der mit Peitsche und Stachel zum Umherspringen gezwungen wird, ist auch nicht schöner als ein Pferd das gleichermassen behandelt wird.“
(Xenophon)

Anmerkung:

Im WELTEXPRESS erfolgte die Erstveröffentlichung am 20. März 2014, um 21:19 Uhr MEZ.

 

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