24. September 2017

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Von Sohnesmord und Inzest – Serie: Die Ödipussage, Teil 1/2

Quelle: Pixabay, Rechte: gemeinfrei, Creative Commons CC0

Frankfurt am Main, Deutschland (Salon Philosophique). Es waren einmal die alten Griechen und ihre Sagen… wunderschöne Erzählungen. Aber, was sollten sie heute mit uns zu tun haben? Nein, in ihrer Bedeutung und Übersetzung auf unseren traumatisierten Alltag waren sie nicht, sondern sind sie heute genauso aktuell wie früher zu den Zeiten der Erzählung.

Laios (nach dem Mythenerzähler Gustav Schwab), der Sohn des Labdakos aus dem Stamme des Kadmos, König von Theben lebte mit Jokaste, der Tochter des Thebaners Menökeus, in kinderloser Ehe. Da ihn nun sehnlich nach einem Erben verlangte und er deshalb den delphischen Apollo um Aufschluß befragte, wurde ihm folgender Orakelspruch zuteil: „Dir soll ein Sohn gewährt werden, aber Du wirst durch die Hand deines eigenen Kindes dein Leben verlieren. Wehe Dir und den Deinen! Dies ist das Gebot des Kroniden Zeus, der den Fluch des Pelops erhört hat, dessen Sohn Du geraubt hast.“ Um dem Spruch des Gottes auszuweichen, ließ Laios den neugeborenen Knaben mit durchstochenen und zusammengebundenen Füßen im wilden Gebirge aussetzen. Der Hirte hatte jedoch Mitleid mit dem unschuldigen Knaben, sodaß er als eigener Sohn am Königshof von Korinth aufwuchs, genannt Ödipus, der Schwellfuß. Als er erwachsen war, offenbarte ein neidischer Korinther, daß er nicht der echte Sohn sei. Von schweren inneren Zweifeln geplagt suchte Ödipus das Orakel von Delphi auf, wo ihm noch ein schlimmeres grauenvolles Unglück prophezeit wurde. „Du wirst deines eigenen Vaters Leib ermorden, deine Mutter heiraten und eine verabscheuungswürdige Nachkommenschaft zeugen“. Es ergriff Ödipus eine unaussprechliche Angst, sodaß er eine Rückkehr zum Hof der geliebten Eltern nicht wagte und sich auf Wanderschaft begab. An einem Kreuz- und Hohlweg begegnete er eines Tages einem Wagen mit einem Herrn und 2 Dienern, die ihn beiseite drängten und demütigten, so daß er im Jähzorn alle erschlug. Ödipus kam nichts anderes als Gegenwehr in den Sinn.

Er gelangte vor die Tore von Theben, das von der Sphinx, einem geflügelten Ungeheuer, vorne Jungfrau, hinten Löwe, geplagt wurde. Diese stellte den Bewohnern Rätsel und verschlang sie, wenn sie diese nicht lösten. Ein gewaltiger Jammer kam über die Stadt, als sie um den König trauerte, der auf einer Reise erschlagen worden war – niemand wußte von wem – und an dessen Stelle Kreon, der Bruder der Königin Jokaste, die Herrschaft ergriffen hatte. Als auch der Sohn des Fürsten Kreon durch die Sphinx umkam, versprach dieser demjenigen Reich und Königin, der die Stadt von der Würgerin befreie. Die Gefahr und der Preis reizten Ödipus, zumal er sein Leben wegen der drohenden Weissagungen nicht hoch einschätzte. Die Sphinx stellte ihm das Rätsel „es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig und am Abend dreifüßig. Wenn es die meisten Füße bewegt, ist seine Schnelligkeit und Kraft am geringsten!“ Ödipus antwortete „der Mensch“ und die Sphinx stürzte sich in den Abgrund. Ödipus herrsche an Jokastes Seite glücklich und geliebt. Endlich sandten die Götter die Pest über das Land. Im Spruch des aufgesuchten Orakels von Delphi befahl der Gott untröstliches, „einen Frevler, den die Stadt beherberge, hinauszuwerfen, denn der Mord am König Laios laste als eine schwere Blutschuld auf dem Lande.“ Ödipus und Jokaste waren lange verblendet, bis Theiresias, der blinde Seher, und der Hirte die Tragik offenbarten. Als Ödipus Jokaste sah, die sich selbst erhängt hatte, fluchte er seinen Augen, daß sie nimmer schauen sollten, was er tat und duldete, und zerstach seine Augäpfel. Dann verlangte er, hinausgeführt zu werden, um sich als Vatermörder und Muttergatte, als ein Fluch des Himmels und ein Scheusal der Erde, dem Thebanervolk vorzustellen. Das Volk empfing den einst so geliebten und verehrten Herrscher jedoch nicht mit Abscheu, sondern mit Mitleid. Für sich selbst verlangte er Ausstoßung und begab sich, begleitet von seiner Tochter Antigone als Bettler auf Wanderschaft.

Die Traumatisierung durchdringt die Erzählung im Sohnesraub, dem Fluch, dem versuchten Sohnes- und dem Vatermord, dem Ungeheuer und dem Rätsel des Menschen, dem Inzest, der Blutschande, der Pest als Strafe und der Blendung des Ödipus. Die Ödipussage ist weniger bekannt als der auf sie zurückgehende Ödipuskomplex, das Thema von Inzest und Vatermord, der Kern (nach Freud und seinen Nachfolgern) der Psychoanalyse, einer anerkannten Wissenschaft und von den Krankenkassen bezahlter Therapie. Über diesen Komplex wurde unendlich viel geschrieben. Darüber hinaus beinhaltet die Sage zentrale Aussagen über den Menschen und seine zwischenmenschlichen Konflikte, die hier Thema sind, wie die blinden Seher, der vorausgegangene versuchte Sohnesmord, die Blendung des Ödipus und das Rätsel der Sphinx.

Die Blinden Seher

Wie in der Ödipussage und in anderen griechischen Sagen als zwangsläufige Folge berichtet, suchten die Bedrohten im Altertum nach katastrophalen Ereignissen die Seher in Tempeleinrichtungen, den Orakeln, auf zur Prophezeiung der Zukunft und Beratung des Weisen zur Verhinderung der katastrophalen und bedrohlichen Vergangenheitserfahrung. Diese Seher waren körperlich blind, im Geiste, im inneren Auge blickten sie hellseherisch in die Zukunft. Der bekannteste und damals weltberühmt war Theiresias am Orakel von Delphi. Die Blinden Seher stellen im menschlichen Leben den Zusammenhang zwischen katastrophalen Vorerfahrungen, der Traumatisierung, und dem darauf basierenden Zukunftsentwurf dar. Die katastrophale Vergangenheit hat sich dermaßen stark in die Nervenzellen eingeprägt, daß sie hellseherisch in die Zukunft geworfen, in ihr prophezeit und antizipiert wird. Deswegen schafft sie Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung und Errettung kann nur durch einen göttlichen Spruch erfolgen.

In allen Traumatisierungen gehen sämtliche Differenzierungen verloren und es besteht Blindheit gegenüber anderen möglichen hoffnungsvolleren Ausgängen und Ereignissen unter anderen, späteren Umständen. Hellseherisch sind die Seher aufgrund der Vergangenheit im Zukunftsentwurf. Als Weise wissen sie oft berechtigt aus Erfahrung, wie oft sich die Vergangenheit wiederholt, gerade infolge der Verhinderungsstrategie. Blind sind sie gegenüber der Tatsache, daß die Vergangenheit Vergangenheit ist und sich nicht zwangsläufig wiederholen muß und die Zukunft aufgrund ganz anderer Umstände und in einem anderen Umfeld völlig anders aussehen kann. Die Zukunft wird also im Lichte oder der Beleuchtung, die gleichzeitig durch die Blindheit eine Dunkelheit ist, der Dunkelheit der Vergangenheit gesehen. Man könnte den Traumatisierten auch in der Mitte eines langen Tunnels sehen, am Eingang und Ausgang des Tunnels ist durch die Einprägung in die Nervenzellen helles Licht, ringsherum Dunkelheit. Ich habe mehrfach erlebt, daß Kranke über vergleichbare Sehstörungen berichteten und wegen eines Tunnelblick den Augenarzt aufsuchten. Im Sinne einer Konversion wird die geistige Befindlichkeit als körperliche Störung erlebt. An die Weissagungen der Seher wurde als göttliche Offenbarung geglaubt und oft genug werden auch noch heute Wahrsager und Astrologen aufgesucht und deren Prophezeiungen in den Alltag eingebaut und sich nach ihnen verhalten. Jeder durch bedrohliche Erfahrungen Traumatisierte ist solch ein Blinder Seher.

Auch im heutigen Alltag wird die Katastrophe als persönliche Schuld erlebt, deren Folgen als Fluch, der Strafe und Sühne als Wiedergutmachung erfordert, gegenüber Umständen und Mitbeteiligung anderer besteht Blindheit. Die Verhinderungsstrategie des Laios, seinen eigenen Sohn zu ermorden, wird auch als Aufbegehren gegen das auferlegte Schicksal, als Frevel gegen die Götter, interpretiert, das die Erfüllung als Strafe erfordert. Die Sage zeigt auch, die Verhinderungsbemühungen, deren Folgen, die Erfüllung und die Strafe selbst können schlimmer sein als die ursprüngliche Bedrohung, ja diese sind die Strafe und und ein erneutes Trauma. Durch die Sichtweise des Frevels werden die Folgen nicht als zwangsläufiger schicksalhafter Verlauf, sondern als selbstbestimmte frevelhafte Untat und Schuld angesehen.

Sohnesmord

Der Sohnesmord wirft ein Licht auf die Vater-Sohn-Rivalität und den Geschlechterneid, eines der zentralen Themen in Familien, wobei die Beziehung und Rivalität zwischen Mutter und Tochter in der Ödipussage nicht dargestellt, aber im Alltag eine ebenso große Rolle spielt. Die Ödipussage fand offenbar in Zeiten der patriarchalischen Weltordnung statt, wo die Konflikte ausschließlich unter Männern gesehen werden und die Bedeutung der Mütter verleugnet ist, wie dies im Alttag im allgemeinen geschieht. Man kann den Sohnesmord auch unter dem Aspekt der Opferung des Sohnes sehen, um schlimmeres zu vermeiden, etwa den Konflikt der Eltern untereinander. Das Trauma, sein frevelhaftes Vergehen, muß für den Vater des Ödipus durch das Gesetz des Gottes derartig schlimm gewesen sein, daß er schicksalhaft bestimmt als Sühne sogar bereit war, seinen eigenen Sohn, für die meisten Väter ihr größter Stolz und die Verlängerung ihres Lebens über ihren Tod hinaus, aufzuopfern.

Die vom Vater ausgehende Rivalität ist bisher weniger bearbeitet, obwohl sie im Ödipusmythos dem Vatermord vorausging, der Sohn ein gezieltes Opfer des Vaters war, während der Vatermord, eher ein Totschlag oder ein Kampf unter Männern, mehr zufällig durch eine Verkettung unglücklicher Umstände stattfand. Natürlich sehen Traumatisierte darin nicht Zufall, sondern ein vorbestimmtes Schicksal, an dem sie selbst schuld sind. Der Vater und seine Motive sind auch im heutigen Alltag unantastbar, und die Konflikthaftigkeit im Sinne von Schuld und Schande wird allein dem Sohn zugeschrieben (Blindheit und zugleich Sehen). Wie die Ödipussage aussagt, geht der Konflikt ursprünglich vom Vater aus. Der vor allem vom alternden Vater ausgehende Neid, der dem Sohn seine Jugend, Attraktivität und Zukunftschancen neidet, in sich selbst die Alterung und den Verfall und nicht seine altersspezifischen Möglichkeiten sieht, stellt in vielen Kulturen ein wichtiges Motiv für Entwertung, Unterwerfungsforderung, Negativprophezeiungen und Zukunftssabotage dar. Häufig kommt hinzu, daß die Söhne von den Müttern mehr favorisiert werden als die entwerteten Väter (siehe die Bibel und die Heilige Familie), dadurch Eifersucht geschürt und durch die Mutter der Vater-Sohn-Konflikt verschärft wird. Die erbittertsten Konflikte ergeben sich, wenn der favorisierte Sohn von der Mutter noch angeheizt, oft als ihr verlängerter Arm, stellvertretend deren eigenen Partnerkonflikte auszutragen, als Prellbock und Schutz für die Mutter vorgeschickt und eingesetzt wird. Dann bekommt der Sohn die Aggressionen des Vaters ab, die eigentlich der Mutter gelten. Sie wird ihn loben, aufbauen und stolz auf ihn sein, er um so mehr die Aggressionen des Vaters abkriegen. Offenbar ist die Mutter deswegen unantastbar, weil ihre Verletzlichkeit, was ihre Macht beinhaltet, als die allergrößte Bedrohung und ihr Verlust als Kern der Familie und somit der Zerfall der Familie besonders gefürchtet sind. Oft unterwerfen sich die Söhne den Vätern, bemühen sich um Anerkennung, die sie in dem Maße nicht erhalten, wie sie sich bemühen, da ein unterwürfiger Sohn nicht anerkannt werden kann und die Väter in ihrer Unterwerfung ihre Selbstaufwertung im Angesicht des drohenden Zerfalls sehen.

Man könnte den Sohnesmord im großen kulturellen und sozialen Rahmen in Kriegen sehen, die die Väter angezettelt haben und in denen die Söhne umkommen. Sie werden als ihre Favoriten von den Müttern besonders beweint und von den Vätern gehaßt. Dort gelingt im Gegensatz zur Ödipussage der Sohnesmord. In der transgenerationellen Perspektive müssen die Söhne für etwas büßen, was die Väter und Urväter angerichtet haben bzw. ihnen als frühere Katastrophen widerfahren ist. Auch in der Ödipussage muß Ödipus und seine Kinder als Fluch über die Generationen hinweg für die Untaten seines Vaters büßen und sie begehen laut ihrer Prägungen in den Nervenzellen erneut Untaten, für die sie sich schuldig sehen und zur Buße bereit sind. Hinzu kommt, daß Traumatisierte im Angesicht der Bedrohungen ihres Lebens nicht mehr froh werden und zu Selbstgefährdungen bereit sind wie Ödipus, der den Kampf mit der Sphinx deswegen herausfordert. Laut dem Psychohistoriker Loyd de Mausse kumulieren die Konflikte innerhalb einer Nation in regelmäßigen Zyklen, die dann einer Aggressionsabfuhr bedürfen, meist in Form von Kriegen nach außen, wobei jede Nation ihre eigenen Zyklen besitzt. Er wies dies besonders bei den Amerikanern nach. Wegen der nach früheren Katastrophen verinnerlichten Bedrohungen sind oft Kriegszeiten seelisch besser zu ertragen als Friedenzeiten, wenn nicht ein aktueller äußerer Feind gefunden wird.

Inzest

Das Inzestthema wird in der Ödipussage als zufällig und ohne Kenntnis der leiblichen Verwandschaftsverhältnisse dargestellt. Diese werden erst im nachhinein publik. Inzest war in den vorpatriarchalischen Zeiten allgemein üblich. Erst nach traumatischen Erfahrungen wurde er als Traumafolge zum Tabu erhoben, die Übertretung zur Blutschande und das Patriarchat etabliert. Die traumatische Folge ist, daß im Alltag von traumatisierten Familien Inzest weit verbreitet ist und gleichzeitig ähnlich wie bei Ödipus über lange Zeit verleugnet wird.

Anmerkung:

Die Erstveröffentlichung des Beitrags von Bernd Holstiege erfolgte am 06.03.2006 im WELTEXPRESS.

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