24. September 2017

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Zukunftsentwürfe in der Psychotherapie

Quelle: Pixabay, Rechte: gemeinfrei, Creative Commons CC0

Frankfurt am Main, Deutschland (Salon Philosophique). In diesem Aufsatz möchte ich darstellen, warum mir die Betrachtung und Analyse der Zukunftserwartungen bzw. -perspektiven bei der Bearbeitung von Konflikten und Therapie von Störungen und Krankheiten beinahe noch wesentlicher erscheinen als die Betrachtung von Vergangenheit und Gegenwart. Diese Perspektiven haben Inhalte und Strukturen, die ich Entwürfe nennen möchte. Nahestehende Begriffe sind Prognosen, Prophezeiungen, Vorhersagen oder Antizipationen. Bei der Abwehr bedrohlicher bis existentiell vernichtender Inhalte sehe ich die angenommene Zukunft als wesentliche Dimension der Störungen und im Konfliktfall ist gegenwärtiges Handeln nach der vergangenen verinnerlichten Realität, den Erfahrungen, sehr auf die Vermeidung dieser ausgerichtet. Oft bietet meiner Auffassung nach die Frage nach den Bedrohungen und Ängsten einen schnelleren Zugang zu den Konflikten als die Bearbeitung der Vergangenheit und Gegenwart. Ich habe einige Aspekte herausgegriffen, die für mich sehr im Fluß sind, wobei Ihnen sicherlich andere Apekte ein- und Widersprüche auffallen.

Über die Zukunft im Werdegang

Beim Werdegang eines Menschen wünschen alle nur das Beste, jeder für sich und die anderen, eine gute Mutter, ein guter Vater, gute Eltern und ein gutes Kind zu sein, und ähnlich wie im Paradies tritt der Teufel hinzu in Form von allen möglichen Bedrohungen. Was nun das Beste und Richtige ist, darüber können die Beteiligten die verschiedensten Überzeugungen besitzen, über die sie in heftigsten Streit geraten können. Die Mutter glaubt etwas anderes als der Vater, die Großmütter bringen ihre Überzeugungen ein, und das Kind hat seinen eigenen Willen, ohne allerdings aufgrund seiner mangelnden Erfahrung von der Richtigkeit überzeugt sein zu können. Ihm als dem schwächsten Glied muß laut Tradition nach Schreber der eigene Wille als das Böse ausgetrieben werden. Diesen muß es zugunsten der Älteren aufopfern. Diese Sichtweise, besser noch die Überzeugung, des Kindeswillen als das Böse, hat sich zwar vielfach in den letzten Jahrzehnten zugunsten der Überzeugung geändert, sein Wille sei etwas Gutes, dem die Hauptbezugsperson, die Mutter, nach neueren Überzeugungen, ihren Willen aufzuopfern hat.

Ist schon durch die Verschiedenartigkeit der Bedürfnisse und Standpunkte innerhalb der Familie, die auch noch ständig nacheinander je nach Betrachtung, Lust und Stimmung wechseln und, wenn vielleicht auch inhaltlich, dann oft kaum zeitlich zusammenpassen, Ausgleich und Harmonie schwierig zu schaffen, so kommen noch innere und äußere Bedrohungen der körperlichen und psychischen Integrität hinzu. Diese Bedrohungen können real sein, oft sind sie übersteigert als Realität gefürchtete Phantasien. Körperliche Bedrohungen sind etwa Krankheiten, Gefahren im Haushalt, im Straßenverkehr u.ä. Psychische Bedrohungen sind, teils vernichtende, Herabsetzungen des Wertes, Entwertungen in Scham, Schande, Sünde, Verachtung und Lächerlichkeit. Inhalte der Schande können sein, ein schmutziges, lautes, störendes, rücksichtsloses, unvernünftiges, egoistisches, ungehorsames, prinzipienloses, undiszipliniertes Kind heranzuziehen. Das bedeutet nicht nur eine Schande für das Kind, sondern noch viel mehr für die Mutter, sozusagen als gute Mutter versagt zu haben. Der Ruf, das Image der Kinder ist also ihr eigener guter Ruf. Dadurch ist das Kind narzistisch besetzt „verhalte dich anständig, sonst blamierst du mich!“ Dabei werden die eigenen Augen in den Augen der Umgebung gesehen. „Was sollen die Leute sagen?“ ist ein häufiger Ausspruch. Das künftige Schicksal des Kindes dient also zur Selbstwertregulation des Erwachsenen.
Infolge der Spannungen der Eltern, ubiquitäre zukünftige körperliche und narzistische Bedrohungen fürchtend, und dessen Verinnerlichung mag die sog. basale Sicherheit, Geborgenheit und Wärme eines Kindes verloren gehen. Diese zukünftigen Bedrohungen müssen um jeden Preis verhindert werden. Die Verhinderungsstrategie durch Bevormundungen, Kontrollen, Bestrafungen, Negativprophezeiungen „du wirst in der Gosse landen, .. ewig bereuen“, Beschwörungen bis zur Gehirnwäsche kann zu einer unablässigen Verfolgung und zu einem Alptraum für Mutter und Kind werden.
Da das Leben des Kindes nach den Eltern ausgerichtet, es vereinnahmt wird, über seinen Kopf hinweg, ohne es zu fragen, muß es sich automatisch wehren, um sich selbst, seine Selbstbestimmung, Interesse und Position zu wahren. Dies scheint mir eine menschliche Anlage zu sein. Beim Kind und bei kindlichen Tendenzen im Erwachsenen spricht man von Trotz. Er dient der Selbstbehauptung, ist aber keine eigentliche Selbstbestimmung, da das Thema von anderen bestimmt ist. Während des Trotzes kommt das Kind nicht zu den eigenen Zielen, und es ist gerade das, was vermieden werden muß, in den Augen der Eltern ungehorsam, rücksichtslos, unvernünftig u.ä. Verschärft wird der Trotz noch dadurch, daß dem Kind keinerlei Zeit und Raum gelassen wird. Die Forderung ist oft „sofort!, du hast zu spuren!“ mit befehlender Stimme, beherrschenden Augen, Mimik oder Gestik. Oft sind Erzieher, ebenso bei erwachsenen Eltern-Kindverhältnissen, schon gekränkt, wenn das Kind nicht automatisch gehorcht und überhaupt nur einen Moment überlegt. Automatischer Trotz kann die Folge sein. Dabei ist die Tragik, das durch die Übergehung der Position des Kindes es zu dem gemacht wird, was verhindert werden muß. Mit einem guten Ziel wird das Böse erreicht. Oft gelingt es, daß in den Augen des Kindes böse Eltern ein zumindest nach außen im Verhalten ein gutes Kind heranziehen, dessen böser Kern sich anderweitig auswirkt, etwa in Aggressionen an anderer Stelle wie der Schule oder dem Kindergarten oder in Symptomen und Krankheiten.
Bei bedrohlichen Zukunftsentwürfen wird meist von Sorgen gesprochen, und das Einwirken zur Vermeidung wird meist als Sich-Kümmern und Fürsorge aufgefaßt und als Verantwortung bezeichnet. In ihren Augen können Eltern mit Recht zukünftige Dankbarkeit für ihre Bemühungen erwarten.

Da der Glauben und die Überzeugungen der Eltern mit voller Überzeugung an die Kinder herangetragen und vorgelebt werden, das Kind noch kein eigenes Weltbild besitzt, macht es sich das Weltbild der Eltern zu eigen, verinnerlicht es. Es wird zu seinem eigenen Weltbild der bedrohlichen Zukunftsentwürfe, der Anpassung aus Angst und damit Entwürdigung bzw. narzißtischer Traumatisierung, der Spannungen, Ängste, Konflikte und des Trotzes. Das Kind kann infolge des verinnerlichten Glaubens zwischen Anpassung und Trotz hin und her schwanken. Oft findet auch eine Rollenverteilung zwischen dem trotzigen Kind, dem Sündenbock, und dem angepaßten Kind statt. Die verinnerlichten Objekte und die Beziehung zu den Eltern wird zu seinem eigenen Leben und sich tendenziell an den eigenen Kindern wiederholen.

Abwehrmechanismen auf dem Erwachsenenniveau

Zukünftige Bedrohungen auf dem Erwachsenenniveau müssen ausgeschaltet werden, um Sicherheit, innere und äußere Harmonie zu erhalten und zu gewinnen. Dazu dienen Abwehrmechanismen wie Verdrängung, Verleugnung, Verschiebung und Spaltung. Verleugnete Anteile tauchen jedoch oft phantomartig woanders auf, entweder bei den Objekten, der Projektion, um sich selbst als gut zu erhalten, oder in der eigenen Person, der Introjektion, um das gute Objekt zu erhalten. Dadurch entsteht die Spaltung in gut und böse. Komplizierter und prädestinierend zu schweren Störungen wie Borderline und Psychosen sind die Projektive oder sogar Introjektive Identifizierung, wo das Objekt zugleich Zielscheibe von guten Anteilen ist, damit das Subjekt sich mit ihm identifizieren kann, und von bösen Anteilen, um sie an den anderen zu delegieren. Das Objekt wird sozusagen von innen widersprüchlich regiert. Die Spaltung erfolgt nach Entweder – oder, schwarz – weiß, alles oder nichts, gut oder böse, richtig oder falsch – Gesetzen. Werden diese widersprüchlichen, einzigen und ewigen Wahrheiten neben- und nacheinander wahrgenommen, entsteht Verwirrung, Chaos oder bei tiefgreifender unvereinbarer Spaltung Zerrissenheit. Das Chaos wird dadurch verstärkt, daß verleugnete Ängste phantomartig hochgespielt anderswo auftauchen und eine Wechsel zwischen Hoch- und Runterspielen, Aufpuschen und Bagatellisieren, auf andere Inhalte und Personen, vom Geist auf den Körper, wie bei der Herzneurose, verschoben, sich abspielt, sodaß kein Mensch weiß, was wirklich los ist. Man könnte den Vorgang mit dem Trotz vergleichen, wo das Abgewehrte erst recht wieder auftaucht, oder ähnlich wie bei der Phantombildung in Schloßgespenstergeschichten, wo die tabuisierten Untaten eines Vorfahren in seiner Person als Gespenst wieder auftauchen.

Um derartige Bedrohungen zu vermeiden, ist das Ziel Klarheit und Eindeutigkeit zu gewinnen oder etwa ein Goldener Mittelweg zwischen den Extremen. Geradlinigkeit, Linearität, Planungen und Programme, alles schon vorher zu wissen, können der Versuch sein, unvorhergesehene Bedrohungen im auf und ab, hin und her, den Wechselfällen des Lebens zu begegnen. Eine Entscheidung habe voll und ganz ohne wenn und aber zu erfolgen, sodaß Ambivalenzen nicht möglich sind. Paradoxerweise kann die Schwarzmalerei von ubiquitär gefürchteten Bedrohungen wie beim Angstneurotiker oder Phobiker die ersehnte Eindeutigkeit erbringen. In der Vorausschau wird, wenn etwas schief geht, geradlinig nach unten in der Gosse gelandet. Deswegen muß alles gelingen oder ein linearer Aufstieg nach oben wie im Fortschrittsglauben stattfinden. So werden bei Verlusten oder dem Alleinsein ausschließlich die negativen Seiten, nicht mögliche Vorteile wie Freiheit und neue Möglichkeiten gesehen. Da die Sichtweisen für Realitäten gehalten werden, wird sich nach dieser Realität verhalten, und die Sicht in Realität umgesetzt (selffulfilling prophecy). Bei der Furcht vor Vereinsamung bestehen oft regelrechte Einsamkeitsprogramme, sodaß zurecht die Einsamkeit gefürchtet werden muß. Wandlungsprozesse können nicht akzeptiert werden. Die Folge ist eine Starre, Lähmung, da sämtliche Schritte vorwärts die Perspektive ändern und neue Bedrohungen schaffen würden.
Dazu gehört auch der Pars-pro-Toto-Glauben bzw. Reduktionismus, wobei Teile zum Ganzen erklärt werden, und die übrigen Anteile verloren gehen. Wiederum müssen sie gefürchtet werden. Ein weit verbreiteter Pars-pro-toto ist beispielsweise der Glauben, der von Frauen und Männern geteilt wird, „Männer wollen nur das Eine“. Bei der Spaltung geht der Bezug der verschiedenen Anteile oder zwischen Personen wie etwa bei Vorwürfen, der verdeckte Bezug zum Vorwerfenden (in der Gestik zeigen bei vorgestrecktem Zeigefinger unter der verdeckten Hand 3 Finger zurück), völlig verloren, und daß etwa wie bei der Polarisierung der größte Teil zwischen den Polen liegt.
Eine Form der Spaltung sind m.E. auch Gleichsetzungen, Pauschalisierung, Koppelungen und Verwechslungen. Dadurch wird die Wahrnehmung der verschiedenen gespaltenen Anteile, von denen nur jeweils das Eine als Einziges gelten kann, zu einem zusammen geführt, und somit illusionär das gefürchtete Chaos verhindert. In der Zeitdimension wird Vergangenes und Gegenwärtiges zu einem Immerwährenden, Ewigen und Endgültigen zusammengeschmolzen, sodaß etwa eine depressive Stimmung sich zu einer Depression auswächst. Es entsteht durch die Vermeidung der Ängste ein völlig verzerrtes Selbst- und Weltbild. Unterschiede und Differenzierungen der Inhalte und Menschen können nicht wahrgenommen werden.

Alltägliche Gleichsetzungen oder Koppelungen sind etwa Frage gleich Antwort, Wunsch oder Erwartung gleich Erfüllung, das Denken an die Wünsche eines anderen und Verständnis ist gleich Handeln im Sinne des anderen, Hilfsbedürftigkeit oder Krankheit gleich Helfen. Wünsche und Fragen, solange diese Koppelung besteht, werden dadurch zu Ansprüchen, an die beide Partner gebunden sind. Da die zwischenmenschlichen Unterschiede und die Position des anderen übergangen wird, ob er die Frage überhaupt beantworten oder den Wunsch erfüllen will und will, wie er dazu steht, wird automatisch Trotz oder Anpassung gleich Unterwerfung erzeugt. Andererseits darf nicht gewünscht oder gefragt werden, wenn die Erfüllung oder die Antwort nicht voraus prognostiziert wird. Solche Koppelungen werden im Erziehungsprozeß verinnerlich und als Selbstverständlichkeiten voraus gesetzt. Man könnte auch die Gleichsetzung von Vorstellung, Bild oder Phantasie gleich Realität dazu gehörig betrachten. Die Macht der Phantasie ist dadurch möglich, daß an sie als Realität geglaubt wird. Die verleugnete bzw. ausgeblendete Phantasie wird durch die Verleugnung zur besonderen Bedrohung erhoben. Schließlich müßte sie nicht verleugnet werden, wenn sie nicht besonders schlimm wäre.
In der Gegenübertragung staune ich immer wieder – bzw. staune nicht mehr, da ich es weiß -, was Patienten alles wissen, wie Dinge und Menschen nach ihren Erfahrungen sind, was sie glauben im voraus zu wissen und schon früher genau voraus gesehen zu haben, für Dinge, die ich für möglich, aber unwägbar, denkbar, aber unvorhersehbar halte.

Ähnliche Gleichsetzungen liegen dem sehr auf die Zukunft ausgerichteten Digitalen Dialog, wie ich es nenne, zugrunde. Im Gegensatz zum Analogen Dialog, wo der Mensch ist, wie er ist und ihm zumute ist, und wo das Schwergewicht auf der Gegenwart liegt, ist das Verhalten daraufhin ausgerichtet, Selbstentwertungen nicht ihm Auge des anderen in Erscheinung treten zu lassen oder entwertende Bedrohungen zu vermeiden. Es gilt, das Ansehen, den Ruf, das Gesicht oder das Image zu wahren. Dabei können Bilder von Sicherheit, Stärke, Souveranität, Zuversichtlichkeit vermittelt werden, aber genauso gut Schwäche, Hilfsbedürftigkeit und Krankheit, um Hilfe zu erlangen oder ein gefürchtetes Auseinanderfallen der Familie zu verhindern. Eine Patientin z.B. berichtet, um gut dazustehen, ist all ihr Tun Anforderung, ein Diktieren ihrer Gefühle, die sie haben müsse, alle Handlungen auf ein Ergebnis ausgerichtet – ein Um-zu (Finalisierung). Der Schein soll in gewisser Weise zum Sein werden. Es wird vermeintlich dadurch versucht Liebe und Anerkennung zu gewinnen und zu erhalten. Ähnlich wie bei einem Hochstapler muß ein Durchschauen der Fassade oder ein Zusammenbrechen des Kartenhauses gefürchtet werden. Mögliche Unterschiede des Gegenübers in den Bewertungen und Ansichten werden nicht wahrgenommen, so als ob alle das Gleiche denken und glauben würden. Oft wird sogar von dem Wissen der Gedanken des anderen ausgegangen. Tragischerweise kann dabei gerade durch die Vermeidung von Selbstentwertung etwa in Blamage oder Lächerlichkeit diese wie in der Geschichte des Don Quichotte entstehen. Ein Phobiker berichtete mir, die Vorstellung wäre undenkbar, er würde einfach machen, was ihm in den Sinn komme (wie im Analogen Dialog), das würden andere nicht verstehen und verurteilen.
Ein weiterer Versuch der Abwehr einer bedrohlichen Zukunft ist die Idealisierung, Perfektionismus, Omnipotenz und Heroisierung, sich gegen alle unvorhergesehenen Bedrohungen unangreifbar zu machen und zu schützen. Wird dies voraussichtlich nicht gelingen, besteht die Neigung, sich idealisierten Alleswissern, Esoterikern, Allmächtigen, Gurus und Heroen anzuschließen und sich mit ihnen zu identifizieren wie in Religionen und Sekten. Eltern, die versuchen ihre Kinder aus den Fängen von Jugendsekten zu befreien, übersehen meist, daß sie selbst durch ihre Ängste und Bevormundungen zur Sektenbildung beigetragen haben. Meist besteht ein Neben- und Nacheinander von Entwertung und Idealisierung, wobei das Zugrundelegen von Idealmaßstäben die Diskrepanz und Spannung verschärft. Zur Abwehrstrategie des gefürchteten Chaos kann man auch Absolutismus, Totalitarismus und Dogmatismus rechnen.
Ich möchte noch einmal auf die Tragik und Zyklen der Abwehrstrategie wie beim Trotz und der Verleugnung hinweisen. Andere Beispiele sind, daß eine Rechtfertigung eine Unrechts-, eine Entschuldigung eine Schuldzuschreibung voraussetzt. Ansonsten wäre ja nichts zu rechtfertigen. In der Ödipussage wurden die tragischen Folgen, Vatermord und Inzest, gerade erst durch die Verhinderungsstrategie nach den Prophezeiungen des Orakels von Delphi – den Zukunftsentwürfen des griechischen Altertums, und das oft noch von blinden Sehern – ermöglicht. Ein Leben, das ausschließlich auf die Verhinderung des Bösen ausgerichtet ist, wird fade, langweilig und starr, da die Vielfältigkeiten, Variationen und Reize verloren gehen. Oft bleibt der einzige Reiz im Verbotenen, dem Durchbrechen der Tabus, etwa in Bars und Bordells, im Halbweltmilieu, der Sabotage, Rache, dem Triumph, etwa doch recht gehabt und es den anderen gezeigt zu haben.

Beispiele von typischen Alltagssituationen nach einer traumatisierenden Kindheit

Über allgemeine Zusammenhänge möchte ich nun zu einigen therapierelevanten, häufigen und typischen Alltagssituationen kommen. Bei der Autonomiefindung spielen bedrohliche Zukunftsentwürfe eine tragende Rolle. Eine Mutter, die ihr Kind vor vielfältigen Bedrohungen zu schützen sucht, schwört es sozusagen auf ihren eigenen angstvollen Lebensweg ein. Angstinhalte können das körperliche Überleben des Kindes sein, etwa Unfallgefahren, Krankheiten, Verhungern oder das Kind falsch zu ernähren. Eine bestimmte Nahrung muß in das Kind gepreßt werden, und das Kind erlernt keine Sättigungsgrenze und keinen eigenen Geschmack. Dieses glaubt die Ängste und muß sich gleichzeitig trotzig wehren. Als Folge können Störungen wie Anorexie entstehen, wo bei totaler Gebundenheit trotzig gerade im Verhungern die Selbstbestimmung und der eigene Lebensweg gesucht wird.
Die Unsicherheit mancher Mütter ist so groß, daß sie schon in Verwirrung geraten, wenn das Kind gestern etwa Pfannekuchen, heute Bratwurst bevorzugt, und sie wirft ihm vor „du mußt doch mal endlich wissen, was du willst!“. So sehr sucht sie beim Kind Sicherheit. Grotesk kann schon der Anspruch an Kleinkinder sein, schon vorher alles zu wissen und sich klar zu entscheiden, sodaß keinerlei Ausprobieren, Reifung von Wünschen und Ambivalenzen toleriert werden können.
Eine ängstliche Mutter wird bei der Loslösung des Kindes die Verwirklichung ihrer Ängste und ihre Selbstvorwürfe, als schlechte Mutter dazustehen und in der Erziehung versagt zu haben, fürchten. Das Kind fürchtet sie ebenfalls und wird dazu neigen, die Mutter vor sich selbst zu schützen (Paternalisierung), sich und sie zu beruhigen und den eigenen Lebensweg zum Schutze der Mutter aufzuopfern.
Eine schützende und aufopfernde Mutter geht ganz in ihrem Kind auf, verliert andere Lebensperspektiven und steht ohne Kind leer da. Auch wird sie die späteren Vorwürfe ihres Kindes, etwa es zuviel alleine gelassen, vernachlässigt, und dies und jenes falsch gemacht zu haben, fürchten. Sie wird sich durch verstärkte Bemühungen vor künftigen Schuldgefühlen und Vorwürfen schützen wollen. Für ihre Aufopferung wird sie Dankbarkeit, also die Selbstaufopferung des Kindes beanspruchen. Loslösungsschritte werden mit Schuldgefühlen, denen der Glauben der Schuld, undankbar und egoistisch zu sein, zugrunde liegt, beantwortet. Der Glaube der Mutter, das Kind könne nicht allein sein und selbst mit etwas fertig werden, wird vom Kind verinnerlicht, und es fürchtet selbst die Einsamkeit und Unzulänglichkeit. Infolge seiner Reaktionen muß es weiter betreut werden, behindert die Selbständigkeit der Mutter und wird zu einer Einengung und Belästigung. Mit dem Selbstbild, es ist lästig, werden Außenschritte erschwert.
Weiterhin ist ein derartig betreutes Kind überhöht besetzt, überwichtig und wird verführt, diesen Zustand nicht verlassen zu wollen, um etwa ein ganz normaler Mensch wie die anderen zu werden. Es wird etwa die Anonymität des Alltags fürchten, wo es die Besonderheit verliert. Ebenso muß die Mutter fürchten, ihre Wichtigkeit und Bedeutung beim Kind zu verlieren. Denselben Verlust befürchtet das Kind bei der Mutter. Manche Mütter sehen sich schon verlassen, das heißt auch in ihrer Wichtigkeit für das Kind total entwertet, wenn ihr Kleinkind jemand anderes anlächelt oder ihr Kind mit anderen spielt.
Durch die Überhöhung des Kindes tritt der Vater, der oft noch dazu entwertet wird, in die 2. Reihe, verliert seine Bedeutung bei der Mutter, wodurch er dieses, um sich herauszustellen angreift und entwertet. Schließlich sind nicht alle Väter so brav wie Josef in der Heiligen Familie.
Einerseits mit einem überhöhten, andererseits mit einem entwerteten Selbstbild, mit den verinnerlichten Bedrohungen wird das Kind mit großen Ängsten in die Umwelt treten. Vor allem mit dem überhöhten Selbstbild, oft einem Dünkel, verzerrten Realitätskonstruktionen macht es sich lächerlich, wird gehänselt und geschlagen. Diese Konflikte treten vor allem in Schwellensituationen, beim Übergang in die Schule, Abschlüssen und Beruf wie bei der Schulphobie und Prüfungsängsten in Erscheinung.
Beispielsweise Phobiker berichten von einer solchen Kindheit. Dadurch lernen sie, ihre Antennen immer nach außen zu richten, nach den Wünschen und Erwartungen anderer, jedem es recht zu machen, sehen sich für jeden und alles verantwortlich, um Liebe und Anerkennung zu bekommen bzw. nicht zu verlieren. Nur auf sich selbst nehmen sie keine Rücksicht und verlieren ihren persönlichen Lebenssinn. Weiterhin ist die Tragik, daß sich jemand, der in seinen Bemühungen, anerkannt zu werden, nach allen richtet, im zugrunde liegenden Entwertungsglauben als „Arschkriecher“ gerade nicht anerkannt wird. Andererseits streiten sich alle Mitglieder in Phobikerfamilien in ihrer subjektiven Realität um die objektive Wahrheit, wer nun in seiner persönlichen oder individuellen Subjektivität objektiv recht hat. Der Unterlegene muß zum narzißtischen Ausgleich in diesem rechthaberischen Streit das nächste Mal recht haben, ein ewiger Kampf um Sieg und Niederlage, sodaß eine ewige Zerstrittenheit die Folge ist, weil die Aggressionen meist hinter herum an allen Ecken und Kanten sich Bahn verschaffen, die wiederum gefürchtet, einer Pseudoharmonie geopfert wird, in der keiner seinen Standpunkt und seine Interessen artikulieren kann und darf und aus der jeder entfliehen möchte, aber die Einsamkeit fürchten muß und Flucht verboten ist.
Manche Psychosomatiker (G. Maass) nehmen an, daß eine Krankheitsanfälligkeit für Krebs dann eintritt, wenn ein Mensch in seiner Lebensbilanz feststellt, daß sein Leben „verpfuscht“ ist, keinen Sinn mehr hat, nach den Erfahrungen überwiegend die Zukunftsperspektive betreffend, und die entstandenen unangenehmen, peinlichen und aggressiven Gefühle nicht in Worten (wie Vorwürfen) und Handlungen (wie Kontrollen und Zwängen) erfolgreich abreagiert werden können. Den hoffnungs- und hilflosen Zukunftsentwurf prägen Größenbilder, Ideal- und Absolutheitsmaßstäbe, Harmonie- und Symbiosewünsche, Dankbarkeits- und Ausgleichsansprüche, etwa wie in einer kaufmännischen Bilanz.

Bei der Abschätzung der Therapieprognose spielt der Krankheitsgewinn eine ausschlaggebende Rolle. Wird Schonung, Hilfe, Einfluß und Macht errungen, dazu der Versprecher einer Patientin „…seitdem ich mit meiner Depression die Familie regiere“, ist in den unbewußten Augen mancher Patienten die Krankheit das kleinere Übel gegenüber größeren Bedrohungen, etwa der Partner trennt sich, die Familie fällt auseinander und die Einsamkeit wird befürchtet. In der regressiven Symptomatik gelingt es, endlich mal klein und schwach zu sein, Verantwortung an andere zu delegieren, sich versorgen zu lassen, Mitleid zu erringen und eigene und fremde Loslösungs-, also Einsamkeitsängste zu beruhigen. Der Gewinn mag höherwertig erscheinen als der Verlust von Souveranität und Autonomie. So kann eine Mutter ihren schützenden Mantel um eine depressive Tochter breiten zur Verhinderung der Ängste, die sie ihr bereitet und diese übernommen hat. Mütter werden sich kaum von ihren Müttern loslösen, lieber Entwürdigungen und Depression inkauf nehmen, wenn sie die Loslösung ihrer Kinder fürchten. Sie wären ja für ihre Kinder ein Vorbild zur Loslösung. Insofern sieht sich eine depressive Patientin zwischen den Stühlen sitzend, da ihr eine Lösung von ihrer  eigenen Mutter unmöglich erscheint, sie aber die Bindung an ihre Kinder nicht weiter geben möchte.
Ist ein Familienmitglied schwer erkrankt, müssen die übrigen Mitglieder sich kümmern, helfen und können nicht ihre eigenen Wege gehen. Etwa kann eine Patientin nicht tanzen gehen, wenn ihre Mutter einen Herzanfall erleidet. Die Vorwürfe „Egoismus, Rücksichtslosigkeit, im Stich lassen“ müssen als ewige Schuldgefühle gefürchtet werden. Die Medikamente dürfen nicht dauerhaft wirken, wenn sich der Partner nicht mehr verantwortlich fühlen würde. Sollte die bedrohliche Hypertonie durch Medikamenteneinnahme stabilisert sein, die Reinfarktangst minimiert werden, könnten dem Patienten wiederum Aufregungen zugemutet werden. Die Ursachen der Krankheiten liegen zum Teil in den Ergebnissen und Zielen. Ich hatte einen Patienten mit einem ausgeprägten Rülpsen, der seinen Ärger über seine Frau herunterschlucken mußte, weil er laut Ärzten meinte, sie dürfe sich wegen der Gefahr eines Rehinfarktes nicht aufregen. Sie ärgerte ihn nachts mit lautem Schnarchen, er sie tags mit Rülpsen.
Patienten, die gewohnt sind, daß es ihnen überwiegend schlecht geht, können Wohlbefinden, Fortschritte in der Therapie oft schlecht akzeptieren, weil sie nicht ihrer erlebten Erfahrung entspricht, bzw. müssen sich erst langsam an die neue Realität gewöhnen. Meist haben sie Negativprophezeiungen verinnerlicht wie „das kann nicht gut gehen, Hochmut kommt vor den Fall, Bäume wachsen nicht in den Himmel, das dicke Ende kommt noch“. Man könnte dies auch aus einer Sicht der Familiengleichheit interpretieren. Allen muß es gleich, keinem darf es besser gehen. Falls es einem besser ginge, wäre dies ungleich und ungerecht. Wer eigene Wege geht, verläßt wie eine Ratte das sinkende Schiff. In diesem Sinne könnte man auch die sog. Überlebensschuld bei KZ- und Katastrophenüberlebenden interpretieren. Deswegen muß ein besserer Status nivelliert werden, und sie führen etwas herbei, sodaß es ihnen schnell wieder schlecht geht und wenn dies nur Bilder und Sätze sind „das könne nicht gut gehen, Bäume wachsen nicht in den Himmel, Hochmut komme vor den Fall“.
Nach meiner Erfahrung haben schwer gestörte Patienten an der Schwelle, wo ihnen die Therapie etwas bringen und sie sich etwa von den Bezugspartnern lösen könnten, die Tendenz, die Therapie zu beenden. Zumindest hatte ich mehrfach den Eindruck. Eine Psychotherapeutin schilderte mir, das schlechte Leben in ihrer langjährigen Partnerschaft sei ihre bisherige Realität, die jetzigen Zukunftsaussichten mit dem neuen Partner wie ein Traum, und ein Traum könne schlecht Realität sein. Diese Patientin meinte auch zu Beginn einer Stunde, sie sei das letzte Mal wütend heraus gegangen, weil ich sie für egoistisch und rücksichtslos gehalten habe. Dann habe sie es sich überlegt, das sei wohl ein klassischer Fall von Übertragung.
Ein Patient meinte, da es ihm gut gehe, weil einiges gut gelaufen sei, er weniger Streß und die Achtung von Arbeitskollegen spüre, er sei in einer euphorischen Phase, sehe das Leben mit einer rosaroten Brille, und konnte somit die neue Realität vorerst nicht annehmen. Da er durch die Verinnerlichungen von seiner Mutter nur Sorgen und Vermeidungsprogramme kannte, konnte er bessere Zustände kaum glauben und hielt sie für eine Verzeichnung der Realität. In der Therapie halte ich deswegen eine Abstützung des Wohlbefindens für wichtig.
Bei Prüfungsängsten kommen oft eine Reihe von Faktoren bzw. verketteten Ängsten, wobei sich eine Angst nach der anderen wie der Kopf der Hydra, ist ein Kopf abgeschlagen, wachsen viele neue hervor, auftuen mag, zusammen. Neben der Angst vor dem narzißtischen Versagen i.S. des Digitalen Dialogs macht sich der Prüfling unter Ausklammerung der Umstände von den Augen des Prüfers abhängig  und kann nicht differenzierend die Ergebnisse als dessen Augen und Bewertungen sehen. Hinzu kommen oft überhöhte Ansprüche in der ödipalen Rivalität, mit den durch die Mutter verinnerlichten Augen den entwerteten Vater zu übertreffen und abzustürzen (Ikarossyndrom), dessen Strafe und Rache fürchtend, sich zur Vorsorge zu unterwerfen und zu versagen. Weiterhin mag hinzu kommen, verinnerlichte Prophezeiungen mit dem überhöhten Versuch, Gegenbeweise anzutreten, weiterhin die Angst vor den Verpflichtungen und der Bürde des verantwortungsvollen Berufs, dadurch der Angst vor dem Verlust der kindlichen Schüler- und Studentenfreiheit und Enge evtl. des Büros – lauter Dämonen -. Häufig wollen sich die Prüflinge an den Eltern mit dem eigenen Versagen rächen oder ihnen den Erfolg nicht zu gönnen, den diese sich ihrer Erfahrung nach stolz an ihre Brust heften und somit erneut vereinnahmen würden, wo sie doch lebenslang nur Knüppel zwischen die Beine geworfen haben. Ich hatte zuerst einen ellenlangen Satz gebildet, um die gleichzeitigen vielfältigen Verzahnungen zu illustrieren, wo es doch eigentlich nur um eine Sache geht, nämlich die Prüfung. Ein Phobiker, der in seiner Kindheit als etwas besonderes, zu höherem geboren hochgejubelt wurde, wie ein Erlöser in einer völlig zerstrittenen Familiensituation, realisierte derartige Hintergründe. Unter Prüfungssituation könnte man auch sämtliche zwischenmenschliche Kommunikation ansehen, wo jemand sich fragt, wie andere zu ihm stehen und er zu den anderen. Sämtlicher Digitale Dialog ist eine Prüfung und von Ängsten begleitet.
In einer Therapie mag ein Patient, wenn es um die partielle Probeidentifkation und ein Verständnis von vermutlichen Hintergründen und der Position eines Konfliktpartners geht, sein Verständnis auffassen, dann dürfe er nicht mehr verletzt sein, müsse Rücksicht nehmen, daraufhin trotzig reagieren, und sich der Wahrnehmung des Gegenübers verweigern. Wegen des befürchteten Selbstverlustes mag er sagen „ich habe keine Lust, mir ständig Gedanken um die anderen zu machen. Das mache ich sowieso schon viel zu viel.“
Ähnlich kann ein Kind sich nicht mehr vertrauensvoll mit seinen Sorgen und Ängsten an eine Mutter wenden und verschließt sich völlig, wenn es wahrnimmt, wie diese voller Sorgen steckt und zur Vermeidung bevormundet. Es würde die Sorgen der Mutter steigern, diese wiederum übernehmen, sodaß ein sich steigernder gemeinsamer Sorgenkreislauf entstehen würde. Durch die Absperrung schützt es sich und die Mutter. Dasselbe spielt sich ebenso auf dem Erwachsenenniveau ab, sodaß keine Korrektur möglich ist und man selber ganz alleine damit fertig werden muß.
In Gruppentherapien passierte es mir wiederholt, daß Patientinnen nicht verstehen konnten, daß andere sie so selbstsicher und souverän sahen, während sie selbst sich so unsicher und ängstlich fühlten. Auf die Frage, was für sie sei, wenn andere ihnen ihre Unsicherheit ansähen, kam regelmäßig eine Anwort wie, „um Gottes willen, welch eine Blamage, ihre Schwäche würde ausgenutzt, sie würden als Spinner dastehen und wären völlig unten durch“ – ein typischer Fall eines Digitalen Dialogs. Diese Befürchtungen wurden für Realitäten gehalten, ansonsten wäre der Souveranitätszauber nicht nötig (Don Quichotte).

Fallbeispiele von Zukunftsentwürfen

Im folgenden möchte ich ein Beispiel einer Patientin illustrieren, wie gerade durch den Zukunftsentwurf gegenseitige Krankheitsgemeinsamkeit und der tragische Kreislauf deutlich werden: Eine Mutter spricht ihre 14 jährige Tochter auf einen spontanen Einfall hin an,  ob sie Haschisch genommen habe, als sie diese nach ihrem Eindruck mit merkwürdig großen Augen nach Hause kommen sieht. Diese gibt das zu. Die Mutter sieht sofort eine Drogenkarriere ihrer in ihren Augen labilen Tochter voraus. Sie sieht den Konflikt, daß sie einerseits der Tochter nicht ihre Unbefangenheit nehmen und zu sehr eingreifen wolle, andererseits sehe sie das Leid ihrer Tochter und ihre eigenen Selbstvorwürfe voraus, in ihrer Verantwortung als Mutter versagt zu haben, wenn sie nicht alles getan habe, dies Schicksal zu verhindern.
Bei der Besprechung der Zukunftsperspektiven werden folgende Zusammenhänge deutlich. Falls sie ihre Tochter zu kontrollieren sucht, werde diese trotzig zur Erhaltung ihrer Selbstbestimmung die Kontrollen unterlaufen, wofür sie sicherlich genügend Gelegenheit haben werde, und gleichzeitig die Übertriebenheit der Ängste der Mutter und die Unschädlichkeit von Haschisch und anderen Drogen beweisen müssen. Durch die Opposition infolge der Einmischung der Mutter in ihr Leben und die Beschaffung von Gegenbeweisen wird voraussichtlich ihre eigene Selbstwahrnehmung der Schädlichkeit von Drogen außer Kraft gesetzt. Nimmt die Tochter das Leiden der Selbstvorwürfe der Mutter wahr, wird sie sich als Verursacher des Leidens schuldig fühlen. Dann leidet die Tochter an dem Leid der Mutter. Zur Bekämpfung ihres Leidens wird sie, nun schon mal auf diesem Weg, vermehrt Drogen einsetzen. Der tragische Kreislauf ist, daß gerade durch die Kontrolle und das Leiden der Mutter die Tochter zu den Drogen verführt wird.
Dieselbe Mutter realisierte als Hintergrund einer akuten Depression im Anschluß an eine Familienfeier anläßlich des Geburtstages des ältesten Sohnes, bei der der 2. Sohn wegen der Bundeswehr nicht anwesend war, die Frage ihres zukünftigen Stellenwertes als Mutter. Ohne ihre Eingebundenheit in die Familie und ihre Identität in der fürsorglichen Mutterrolle verliere sie sämtliche Existenzberechtigung, stehe unnütz mit leeren Händen da und werde nicht mehr gebraucht. Weiterhin komme ihre eigene Mutter ins etwaige pflegebedürftige Alter, und sie müsse sie versorgen. Ihre Mutter wolle bestimmt nicht, daß sie ihre neue Berufsausbildung erfolgreich abschließe, denn dann habe sie weniger Zeit. Jedesmal wenn sie in die Schule gegangen sei, habe ihre Mutter deshalb gesagt „wir schaffen das schon!“. Durch diese Bemerkung fühle sie sich völlig vereinnahmt. Dann sei sie in Angst und Protest wie gelähmt und schaffe erst recht nichts. Sie sehe sich zwischen den Stühlen, einerseits wolle sie ihren 3 Kindern nicht ihr eigenes Leben nehmen, indem sie die Familientradition fortpflanze, andererseits könne sie sich in ihrer Verpflichtung nicht von der Mutter lösen und ihr Leben sei verpfuscht.  Die Depression sehe ich u.a. durch die unterdrückten Aggressionen auf die Mutter, den hoffnungslosen Zukunftsentwurf, durch deren Pflegebedürftigkeit auf ihr eigenes Berufsleben verzichten zu müssen, verursacht.

Ein ähnliches Beispiel sehe ich bei einem Fall von möglicher Fehlgeburt und Neurodermitis. Ein Phobiker suchte mich auf, als seine Frau zum 3. Mal schwanger war. In den 1. beiden Schwangerschaften hatte sie die meiste Zeit wegen Blutungen und drohenden Fehlgeburten im Bett gelegen und der Muttermund war zugenäht worden (Cirklage). Die Kinder waren zur Welt gekommen. Jetzt setzten die Blutungen noch früher und stärker ein, und es drohte noch frühzeitiger eine Fehlgeburt. Ich besprach mit dem Patienten die natürliche Ambivalenz gegenüber einem Kind und eine partielle Ablehnung aufgrund einer vermuteten Opferhaltung und Furcht vor Einengung. Er sprach daraufhin mit seiner Frau über diese Möglichkeiten, und diese war froh, endlich einmal über ihre Aggressionen auf die Kinder sprechen zu können. Da etwas vorher Unaussprechliches, nämlich die Kinder nicht nur zu lieben, aussprechbar geworden war und somit seinen Schrecken verloren hatte, reichte dies offenbar, daß die Blutungen zum Stillstand und das Kind ohne Komplikationen zur Welt kam.
Bald entwickelte das Kind eine Neurodermitis. Als Hintergrund vermute ich, daß die Mutter in der Wiedergutmachung ihrer Ablehnung und in ihren Sorgen wegen der schädlichen Folgen das Kind überbemuttert hat und sich ihre eigenen Spannungen auf das Kind übertrugen. Die Haut reagierte somit als Grenzorgan zwischen innen und außen. Daraufhin übersteigerten sich beide Eltern in den Ausmalungen der schrecklichen Zukunft ihres Kindes – beide waren ausgeprägte Schwarzmaler in Verinnerlichung der Familientradition, er deswegen Phobiker – und in den Bemühungen, ihr Kind vor diesem grausamen Schicksal zu erretten. Die Folge waren häufige Arztbesuche mit entsprechend verordneten Behandlungen. Als mir der Patient schließlich von seinen Sorgen erzählte, phantasierten wir die zwischenmenschlichen Folgen durch, vor allem hinsichtlich des Kindes. Naturgemäß übertrugen sich die Angstspannungen der Eltern auf das Kind, als diese sich das zukünftige Schicksal des Kindes voller Sorge zu eigen machten. Dieses mußte irgendwie reagieren, hier mit der Neurodermitis. Insofern verschärften die Eltern durch ihre Angstspannungen und all ihre Bemühungen die Krankheit des Kindes. Die Eltern konnten Abstand nehmen, und das Kind gesundete weitgehend.
Zusammenhänge und Zukunftsentwürfe möchte ich am Beispiel des Colitis mucosa-Kranken illustrieren. Diese Erkrankung führt zu schleimigen Durchfällen. Bei dem im vulgären Volksmund verbreiteten Ausdruck „Schleimscheißer“ erscheint mir der körperliche Befund und das Persönlichkeitsbild mit seinen zwischenmenschlichen tragischen Folgen in einem Begriff am besten erfaßt. Der Schleimscheißer kommt der Umgebung allerfreundlichst entgegen und stößt mit seinen Bemühungen auf heftige Ablehnung. In der Umgebung wird seine schleimige Art als Unaufrichtigkeit, Aufgesetztheit, evtl. sogar versteckte Aggression u.ä. befürchtet und abgelehnt. Lange kann er naturgemäß die Freundlichkeit auf die Unfreundlichkeit der Umgebung hin nicht aufrecht erhalten, und so gibt es bald Streit. Dadurch sind seine eigenen und die Vorhersagen der Umgebung bestätigt, denen er mit seiner Überfreundlichkeit zu begegnen sucht. Nach außen ist er lange freundlich, innerlich schon im Vorhinein furchtbar wütend und weiß schon das Ergebnis seiner Bemühungen nach vielen ähnlichen Erfahrungen im voraus. Seine Tragik ist, daß er in seiner Verhinderungsstrategie, die wiederum etwas provokantes in sich trägt, auf die sanfte und freundliche Art sozusagen immer wieder mit dem Kopf wie an eine Wand rennt und in seinen Bemühungen das Gegenteil erntet. Diese Lebensart kommt sicherlich nicht von ungefähr, sondern in seiner Herkunftsfamilie werden sich ähnliche Charaktere mit ähnlichen Verhaltensweisen, oft auch Symptomen finden. Man spricht dann in der Schulmedizin von erblicher Belastung.

Für die Carcinophobie einer Patientin fanden wir mehrere prospektive Determinierungen heraus. Ihrer von der Kindheit her eng verbundenen Tante steht der Krebstod bevor, der von der Gesamtfamilie verleugnet wird. Er taucht bei ihr als Krebsangst ähnlich einem Phantom auf. Weiterhin glaubt sie, daß in ihrer Familie Krankheiten gemeinsames Schicksal sind, wofür sie vielfältige Beweise sieht, und somit ihr unentrinnbares Schicksal sind, also ihr bevorstehender Krebs. Diese Tante sei noch die Glücklichste in der Familie gewesen, und da es in ihrer Familie nur Leid gebe – die Familie huldige dem christlichen Mythos des „irdischen Jammertales“ – werde Glück bestraft. Bei Fortschritten in der Therapie und Glück müsse sie die Strafe fürchten. Beim Gespräch mit der Mutter über die Tante sah sie bei dieser Krankheitsanzeichen, fürchtete deren Tod und ihre eigene Verbitterung bei dem bevorstehenden Streit um die Erbschaft, das Haus, auf das sie einen vollen Rechtsanspruch erhebt, aber sich zukünftig benachteiligt sieht. Die Verbitterung könne sich wie ein Krebsgeschwür ausbreiten.
Bei derselben Patientin wurde ein anderer Hintergrund bei einer Krebsangst während Periodenschmerzen deutlich. In einer früheren Partnerschaft hatten sich beide ein Kind gewünscht. Als sie sich jedoch das Kind als ewige Fürsorge und Aufopferung vorgestellt habe – das Kind fresse sie sozusagen wie ein Krebs von innen auf – habe sie sich sofort von ihrem Freund getrennt und hatte bald einen sterilisierten Mann geheiratet. Als gemeinsame Aufopferung hatte sie in ihrer Kindheit die Mutterbeziehung kennengelernt, wobei sie sich mehr als die Leidende (Luftnot und Rückenschmerzen) und Opfernde sah, um die Mutter zu schonen und ihr zu helfen. Jedesmal wenn es der Mutter gut gegangen sei, habe sie sich zuviel zugemutet, aber die entstehenden Schmerzen verleugnet, weil sie Krankheit als Schwäche, Fehler, Einbildung und Faulheit ansah, und sie als Tochter habe ihr alles abnehmen und sie von Leid verschonen müssen.
Ein Sozialpädagoge war schon seit frühester Kindheit von den weiblichen Familienmitgliedern (Mutter, Oma und Tante) hochgejubelt und ihm sämtliche zukünftige Tugenden wie einem Erlöser zugeschrieben worden. Er werde besonders anständig und sauber, vor allem Frauen gegenüber, höflich, rauche und trinke nicht, alles Untugenden, die in der Familie unter den Männern verbreitet waren und worunter besonders die Frauen litten. Die Folge war sein Glaube, daß Unhöflichkeit die größte Schande ist. Er tritt überhöflich, rücksichtsvoll und gewinnend auf, raucht wie ein Schlot und säuft wie ein Loch. Frauen läßt er als Schwuler sexuell in Ruhe und findet sein größtes Vergnügen in Darkrooms und Klappen. Seine frühkindlichen Größenbilder als Reaktionsbildung auf die Kastration, seinen Protest und Gegenbilder kann er ausleben, wenn er sich in Eifersuchtszenen in Kneipen rumprügelt und die Umstehenden ihn beim „Kampf der Giganten“ bewundern. Beim mündlichen Diplomtermin als Sozialpädagoge versagte er in Panik total blockiert und ging anschließend aus Angst erst gar nicht hin, während seine Mutter gleichzeitig wegen Durchblutungsstörungen im Kopf ins Krankenhaus eingewiesen wurde – wohl aus Angst vor einem weiteren Scheitern ihres Sohnes und ihrer erneuten narzißtischen Wunde, er aus Angst die Mutter wieder zu enttäuschen. Vor dem Prüfungswiederholungstermin ging die Mutter in eine Kurklinik, und er konnte beruhigt, sie „gut versorgt“ zu wissen, sein Diplom bestehen. In letzter Zeit habe ich mehrfach von Selbsthilfegruppen von Eltern schwuler Söhne gelesen, deren Weltbild zusammenbrach, wo sie sich doch das Beste für ihre Söhne, etwa Enkelkinder, ersehnt hatten.
Ein Patient mit einer bisher leichten MS-Verlaufsform faßt Anrufe seiner Mutter als Kontrolle auf, ob sein Leben in normalen, geordneten Bahnen verlaufe und er ein anständiger Mensch geblieben sei. Dies sei weniger Interesse an ihm und für seine Not, sondern sie mache sich um sich selbst Sorgen, nicht eine gute Mutter gewesen zu sein, versuche ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen. Als Kind habe er sich nämlich sehr von ihr verlassen gefühlt und Mutters Wäsche angezogen. Er habe noch heute die Neigung, ihr sein Leben nach ihren Wünschen zu schildern, was sie eigentlich nichts angehe, um sie zu beruhigen. Dagegen könne er sich nicht auflehnen, fühle sich wie von einer Krake gefesselt. Grund zur Therapie war gewesen, daß er sehr unter seinen sexuellen Bedürfnissen, Frauen zu fesseln, und seiner Einsamkeit litt und sich als potentieller Straftäter sah. Man könnte über Zusammenhänge spekulieren, zukünftig an den Rollstuhl gefesselt zu sein, von der Mutter gefesselt und den Sexualwunsch, Frauen zu fesseln. Er schilderte seine exakten Programmen, wenn er sich Frauen zu nähern versuche, für Abläufe, die unvorhersehbar sind.
Eine Angstpatientin schilderte, sie sei fest überzeugt, daß sie ihr Studium nicht schaffe. Jeden Tag versuche sie dagegen anzugehen. Am meisten leidet sie unter ihrer Einsamkeitsangst. Deswegen müsse täglich ihr Freund da sein und Händchenhalten. Andererseits sagt sie trocken und grinsend über das Ende der vorherigen Beziehung “ 5 mal am Tag anrufen müssen, das hält der gutmütigste Mann nicht aus!“. Sie hatte eine Mutter, die sie rund um den Tag betreute, um potentielle Schäden ihrer Tochter zu verhindern, und dadurch die Ängste und Partnerschaftsprobleme einimpfte.

Nachträglichkeit

Ich benutze diesen Begriff anders als Analytiker, die unter Nachträglichkeit die nachträgliche Veränderung von Erinnerungen durch Umwelteinflüsse verstehen.
Da im Kopf eines Menschen fortlaufend Tag und Nacht Vorstellungen, Phantasien oder Bilder ablaufen, er andererseits fortwährend in einer Realität lebt, ist die Realitätsüberprüfung, also die Differenzierung zwischen den Bildern und seiner Wirklichkeit, seine schicksalhafte Aufgabe. Die objektive Realität ist immer nur als subjektive bzw. individuelle innere und äußere Realität wahrnehmbar. Die Realität ist beobachterabhängig, sowohl in der Vergangenheit, der Erinnerung, als auch in der Gegenwart. Man spricht auch von Realitätskonstruktionen. Für den Menschen gibt es also keine objektive Realität. Das halte ich für eine Illusion. Da Bedrohungsbilder im 1. Moment immer ein stückweit eine Realitätszuschreibung beinhalten, ansonsten läge keine Bedrohung vor, kann die Differenzierung erst nachträglich erfolgen, ähnlich wie ein von einem Traum Aufwachender erst im Nachhinein feststellen kann, daß die Realität eine andere ist als die der Traumwelt. Träume sind zwar Ausdruck des Innenlebens und damit dieses Menschen, weswegen sie in Analysen gerne betrachtet und gedeutet werden, unterliegen aber Veränderungen ähnlich wie Mythen, Märchen, Fabeln, Kunstobjekte, Romane und Gedichte und szenische Darstellungen. Die szenische Darstellung im aktuellen Erleben nimmt in Analysen und Therapien mit der Übertragung und vor allem Gegenübertragung des Therapeuten einen zunehmenden Raum ein.
Eine absolut gleiche Realität unter den Menschen kann es nicht geben, da bei allen Gemeinsamkeiten jeder zum selben Zeitpunkt eine andere Position einnimmt, andere in ihm steckende Bilder, Bewertungen und Bedeutungen aus der Vergangenheit ablaufen. Jeder hat andere und seine Erfahrungen, die wiederum seine Voraussetzungen prägen. Insofern kann es auch kein totales Verständnis für jemand anderes geben. Man müßte total wie der andere sein und sich aufgeben. Das Handeln verläuft gegenwärtig nach angenommenen vergangenen und zukünftigen Wirklichkeiten, und durch die Handlungsumsetzung werden Realitäten geschaffen.

Eine gelungene adäquate Realitätsprüfung kann nur im halbwegs ausgeglichenen Zustand erfolgen. Bei Bedrohungen treten durch die Abwehrmechanismen, die wiederum der Aufrechterhaltung des Gleichgewichts dienen, Verzerrungen der Realitätswahrnehmung auf, nach denen wiederum gehandelt wird. Paradoxe, bizarre und verzerrte Realitäten sind die Folge. Da durch die Verhinderungsstrategie oft genug gerade das erreicht wird, was verhindert werden soll, wird das Leben zu einem verstrickten aussichtslosen Kampf, der vielfach stark von Krankheiten begleitet ist. Je nach Fixierung an die Realitätskonstruktionen, dem sekundären Gewinn und der beanspruchten Rückvergütungen, oft im Sinne von Dankbarkeit, ist möglicherweise eine korrigierende Realitätsprüfung nicht möglich. Oft bleibt nichts anderes übrig, als die Hoffnung auf die Harmonie in einem Krankheitslebensweg, auf ein Nachleben zu verschieben wie in Religionen oder beim Suizid (Henseler) und auf eine psychotische Ersatzwelt, die in der jetzigen Welt Entlastung bringt.
In dieser Nachträglichkeit, die u.a. in einer Therapie geschehen kann, geht es m.E. nicht nur um die Wiedergewinnung verleugneter Inhalte, was oft nicht möglich und meiner Ansicht auch nicht so entscheidend ist, mehr noch um die Korrektur von Bewertungen und Bedeutungen, die Beachtung von Umständen und Rahmenbedingungen, die Etablierung eigener Bewertungen, Differenzierung von Unterschieden in der Zeitdimension, in und von Personen und Inhalten, daß z.B. jemand anderes anders denken und bewerten kann als man selbst, Anerkennung von Ambivalenzen, Zusammenhängen und teils unbewußten Hintergründen – oft schon, daß es diese überhaupt gibt – bei sich und bei anderen, oft eine Relativierung und Infragestellung des Glaubens und der Überzeugung. Aus der Sicht des Patienten mag für ihn eine Glaubenswelt, sein Weltbild zusammenbrechen, wogegen er sich naturgemäß wehren muß. Dabei geht es nicht nur um die eigene Person, sondern auch um die Betrachtung anderer Personen, von Folgen und Rückwirkungen. Die Selbstachtung und Fremdachtung kommt dabei von ganz alleine und ist als Therapieziel Begleiterscheinung. Man könnte auch von einem Weg von der Spaltung zur Integration sprechen.

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