26. September 2017

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Über das Buch „Sicher & frei Reiten“ von Jenny Wild und Peer Classen

Jenny Wild und Peer Claßen mit Sohn Henry Wild und Pferden. © 2015, Jenny Wild und Peer Classen, Foto: Jasmin Baranowski

Frankfurt/Main, Deutschland (Salon Philosophique). Pünktlich zur Pferdemesse Equitana 2017 in Essen bringt der Kosmos-Verlag das neue Buch des bekannten Horsemen-Paares Jenny Wild und Peer Classen „Sicher und frei Reiten“ auf den Markt, nachdem ihr erstes gemeinsames „Übungsbuch-Natural Horsemanship“ erfolgreich nachgefragt wurde (siehe „Interview bei Weltexpress„).

Wie die Verfasser sagen, ist das Buch Reitweisen-unabhängig mit einer Einschränkung:

Der traditionelle Reiter muss bereit sein, einige seiner als sicher geltenden Weisheiten auf den Prüfstand zu stellen.

Die Sicherheit beim Reiten ist ein uraltes und heiß diskutiertes Thema, da Reiten statistisch zu den gefährlichsten Sportarten zählt, die der „normale“ Bürger betreibt.

Die Angst, die Kontrolle über das Pferd zu verlieren und schwer zu stürzen, schwingt immer mit, wenn sich ein Mensch wagt, ein Pferd zu besteigen, da das „Wilde Tier“ im Pferd bei aller Domestizierung nicht verschwunden ist.

Die traditionelle Lösung war, die Kraft des Pferdes mit Hilfsmitteln, wie Gebiss, Kandare, Hilfszügeln, Sporen, Gerte u. a. zu brechen. Dabei wird in Kauf genommen, dass dem Pferd Schmerz zugefügt wird, zum Beispiel in einer äußerst empfindlichen Körperöffnung, dem Maul.

„Einen guten Horseman erkennt man nicht an den Hilfsmitteln, die er benutzt, sondern an den Hilfsmitteln, die er nicht benutzt.“ (Zitat: Pat Parelli)

Viele Pferde „gehen durch“ gerade auch mit Gebiss, weil das Fluchttier Pferd auf Schmerz verstärkt mit Flucht reagiert und dann unkontrollierbar wird. Sicherheitsbedachte Menschen, oft Eltern von reitenden Kindern, befinden sich dann ich einem Teufelskreis, weil das der Sicherheit dienende Mittel sich zum Gegenteil verkehrt.

Wie kann man/frau diesem Dilemma entkommen?

Die Antwort von Jenny und Peer ist: „Gib deinem Pferd Verantwortung und Freiheit.“

Respekt ist ein Begriff, der in allen Reitweisen ständig bemüht wird. Meist bedeutet er Gehorsam des Pferdes gegenüber dem Reiter. Aus diesem Denken kommen die meisten Reiterinnen nicht heraus, besonders, wenn sie schon seit Jahrzehnten auf dem Pferd sitzen.

Wenn irgendetwas mit dem Pferd nicht funktioniert, wird die Schuld beim Pferd gesucht. Gegenseitiger Respekt sieht anders aus.

„Nur wenn Pferd und Reiter beide gelernt haben, ihre Verantwortungen wahrzunehmen, kann es echte Sicherheit geben.“ (Zitat S. 6)

Die Bewegung des Natural Horsemanship ist im Vergleich sehr jung, 25 Jahre gegen 4000. Viele traditionelle Reiter tun sich schwer damit, weil ihr Fundament eines als sicher geglaubten Wissens über Pferde ins Schwanken gerät, wenn sie jetzt aufgefordert werden, in einen gleichberechtigten Dialog mit dem Pferd zu treten, der bedeutet, dass man sich bemühen muss, erneut aus anderer Sicht die Sprache der Pferde zu erlernen, denn die Pferde können unsere Sprache weder verstehen noch lernen.

Gegenseitiges Verstehen findet auf der Ebene der nonverbalen Kommunikation statt.

Das Buch zeigt, wie diffizil diese Kommunikation sein kann, da die Pferde uns als Menschen in ihrer Sprache deutlich überlegen sind.

Das zu verdeutlichen, gelingt den Autoren in über 200 Bildern und Bildreihen, denn Bilder können meist mehr aussagen als Worte.

„Gib deinem Pferd Verantwortung und Freiheit“ heißt gleichzeitig auch sich selbst mehr Freiheit und Verantwortung zu geben. Der Mensch befreit sich selbst, indem er dem Pferd Freiheit gibt, ist quasi eine dialektische Erkenntnis, die nur langsam in das reiterliche Bewusstsein drängt, aber immerhin stetig.

Jenny und Peer sind Menschen, die niemanden bekehren wollen, sondern nur mit gutem Beispiel voran gehen. Umso erstaunlicher ist es, dass es unter den „Traditionellen“ nicht wenige gibt, die diesen gewaltfreien Umgang mit Pferden heftig bekämpfen, obwohl er mehr Sicherheit verspricht, wenn man auch die Ergebnisse der Verhaltensforschung der letzten Jahrzehnte einbezieht, die glaubhaft belegen, dass auch Tiere denken und fühlen, besonders Säugetiere, die nahezu hundertprozentig identische Strukturen im Gehirn aufweisen.

Das Buch könnte man im Sinne des Wortes als NHS-Hand-Buch bezeichnen, denn das Geschriebene kann jederzeit in Handlung umgesetzt werden.

Auf anatomische Zeichnungen, die oft Wissenschaftlichkeit vorgaukeln, wird vollkommen verzichtet. Lebendige Bilder veranschaulichen das Gesagte und wirken überzeugend.

Es kann jedoch keinen Lehrgang bei Jenny und Peer oder anderen qualifizierten Horsemen ersetzen.

„Schau dich um, was normal ist und tue das Gegenteil. Das ist dann natürlich!“ (Zitat von Pat Parelli)

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Jenny und Peer Classen, „Sicher & frei reiten – mit Natural Horsemanship“, 200 Seiten, mit Kosmos Plus App für 10 Filme, Kosmos-Verlag, 1. Auflage Stuttgart 2017,ISBN 978-3-440-14595-1, Preis: 29,99 € (D)

Anmerkung: Erstveröffentlichung am 3. April 2017 bei Weltexpress

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