24. September 2017

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„Unnötige Grausamkeiten“ im Umgang mit Pferden – WELTEXPRESS im Gespräch mit Dr. Hiltrud Strasser und Diplomsportlehrer Bernd Paschel

Thomas Bach © dapd

Frankfurt am Main, Deutschland (Salon Philosophique). WELTEXPRESS führte ein Exklusivinterview mit Dr. Hiltrud Strasser und Diplomsportlehrer Bernd Paschel über einen besseren Schutz der Pferde.

WE: Guten Tag Frau Strasser und Herr Paschel. Sie engagieren sich beide auf unterschiedliche Weise für einen besseren Tierschutz der Pferde.
Ich beginne mal mit Ihnen, Herr Paschel, aus aktuellem Anlass: Sie und einige Sportpädagogen aus Frankfurt am Main setzen sich seit Anfang 2014 mit viel Engagement für einen wirkungsvollen Schutz der Sportpferde ein. Sie haben einen „Offenen Brief“ an das Internationale Olympische Komitee (IOC), an den IOC-Präsidenten Dr. Thomas Bach, geschrieben, den wir im WELTEXPRESS dokumentieren.

Jetzt hat Ihnen sogar Papst Franziskus seine Unterstützung gewährt, indem er für Sie und Ihre Sportpädagogen Gottes Schutz und Segen erbittet. War das zu erwarten?

Paschel: Nein, bei der Anzahl von Bittschriften, die der Papst täglich erhält, war das nicht zu erwarten. Umso erfreulicher ist dieser Brief des Heiligen Vaters, zumal Herr Bach es nicht einmal für nötig hielt, den Eingang des Briefes zu bestätigen.

WE: Im Reitsport und im IOC geht es um viel Geld. Haben Sie die Hoffnung, dass man diesen Trend stoppen kann?

Paschel: Die Hoffnung ist zumindest gestiegen, dass wir Reformen im Tierschutz bewirken können.
Jorge Mario Bergoglio sieht sich als Papst, der sich den Papstnamen Franziskus gab, bekanntlich in der Tradition des ersten Tierschützers Franz von Assisi (1181-1226).
Darüber hinaus engagiert er sich glaubwürdig für die Armen, Unterdrückten und für den Frieden in der Welt.

WE: Zurück zum Tierschutz-Thema: Können Sie in kurzen Worten Ihre Motive benennen?

Paschel: Ich kann es mal versuchen: Mein persönliches Motiv hat etwas mit meinem Wallach zu tun, der für mich ein Partner oder Kamerad ist, obwohl ich sehr darauf bedacht bin, das Pferd nicht zu vermenschlichen. Gleichzeitig sehe ich, wie grausam Menschen mit diesem kooperativen Lebewesen umgehen.
Das wiederum hat eine Vorgeschichte in der Entwicklung der Domestizierung des Pferdes und der Geschichte der Kavallerie und der damit verbundenen Barbarisierung des Menschen im Krieg. Das hat der erfolgreiche Reiter und Psychologe Prof. Heinz Meyer in seiner Dissertation Anfang der 1980er Jahre untersucht. Mehr als vierzig Jahre kommentierte Meyer in Fachzeitschriften den internationalen Turniersport, insbesondere die Dressurwettbewerbe. Er schrieb zahlreiche Lehrbeiträge zur Theorie des Reitens und zur Praxis der Ausbildung des Pferdes. Von 1967-1970 leitete er als Chefredakteur den Sankt Georg, war von 1970-1985 hippologischer Fachberater der Reiter Revue und von 1986-1997 ständiger Mitarbeiter des Sankt Georg. Derzeit ist er besonders an den Auswirkungen der Haltung sowie der reiterlichen Nutzung auf das Wohlbefinden und die Gesundheit Pferdes interessiert und beleuchtet dies kritisch und wissenschaftlich fundiert in seinen Werken „Roll-Kur“ (2006) und „Die Skala und das System der Ausbildung (2012).
Der bekannte Journalist, Tierschützer und Reiter Horst Stern hat schon 1971 in seinem Buch „Bemerkungen über Pferde“ den Missbrauch angeprangert.
Beide leben mittlerweile zurückgezogen und sind enttäuscht darüber, wie wenig in den Reitsportverbänden und der Politik seitdem geschehen ist.
Dieser Umgang mit dem „Nutztier“ Pferd ist im Spitzensport grausamer als zuvor, wenn es um Erfolg geht, und er findet viele Nachahmer im Nachwuchs- und Freizeitbereich.

WE: Können Sie das Behauptete mit Beispielen belegen?

Paschel: Dafür gibt es massenhaft Beispiele, die Sie bei YouTube finden, wenn Sie die Stichwörter „Missbrauch“ und „Pferde“ eingeben oder „Hyperflexion“, wo deutlich wird, was in diesem Zusammenhang „barbarisch“ bedeutet.

WE: Entschuldigen Sie, wenn ich Sie unterbreche: Hyperflexion müssen Sie den Lesern erklären.

Paschel: Der Reiter zieht mit den Zügeln und/oder Hilfszügeln den Pferdekopf in Richtung Brust. Das Pferd rollt sich auf. Balancierfähigkeit und Sicht des Pferdes sind dadurch extrem eingeschränkt, mal ganz abgesehen vom Schmerz, der erheblich sein dürfte, wenn man in die Augen eines solchen Tieres sieht.
Die Rollkur bewirkt vor allem eine starke psychische und physische Dominanz des Reiters über das Pferd, das dadurch an Selbstvertrauen verliert und es kaum wagen wird, sich im Dressurviereck während eines Turniers zu widersetzen. Dies dürfte wohl der Hauptgrund sein, warum diese Methode überhaupt eingesetzt wird.
Michael Düe, ein Tierarzt der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), sagt: „Hyperflexion ist die exzessive Beugung eines oder mehrerer Gelenke am Hals, die dazu geeignet ist, Verletzungen herbeizuführen“.
Nachdem viel Widerspruch gegen die Rollkur selbst aus Reiterkreisen erfolgt ist, hat die Fédération Équestre Internationale (FEI) statt dessen den Begriff LDR (Low, Deep, Round) eingeführt, eine typische kosmetische Maßnahme.
Im Gegensatz zur Hyperflexion erfolge LDR ohne Aggressivität und sei somit akzeptabel.
Gemäß FEI-Reglement ist nun seit 2010 die Anwendung von LDR bis zu zehn Minuten auf dem Abreiteplatz offiziell gestattet.
Hyperflexion kennt jeder Mensch, der im Stretching Erfahrung hat. In der Hyperflexion senden die Muskelrezeptoren das Signal Schmerz an das Gehirn. Das wird in der Sportmedizin bezeichnet als Signal-Schmerz, der mir sagt: „Hier ist die Grenze überschritten.“ Wenn man dieses Signal über längere Zeit oder häufig übergeht, kommt es zu chronischen Verspannungen, die schließlich zu Gelenkschädigungen führen.
Zu sehen ist, dass LDR mit Aggressivität weiterhin auf dem Abreiteplatz erfolgt und nicht geahndet wird, weil die Richter es nicht sehen (oder sehen können oder wollen?) und die Rollkur weit verbreitet ist – international und in deutschen Reitställen, auch dort, wo in unteren Klassen geritten wird, oder gelegentlich sogar, wo es nur um Spaß an der Freude geht, weil der Sachverstand über die Anatomie des Pferdes fehlt oder das Pferd als Nutztier gesehen wird, dem Schmerz und andere Gefühle nicht zugestanden werden.

WE: Trotzdem, den Begriff „barbarisch“ finde ich übertrieben.

Paschel: Ja, da kann ich Ihnen zustimmen, barbarisch ist der Begriff von Prof. Meyer für den Einsatz des Pferdes im Krieg, wo der „Gehorsam bis in den Tod“ zur Maxime des Handelns wird. Diese Maxime ist im Sportreiten nicht mehr gegeben, aber es haben sich einige „unnötige Grausamkeiten“ im Umgang mit dem Pferd erhalten. Da das Pferd als Beute- und Fluchttier im Krieg gegen seine Instinkte handeln musste. Das Pferd hatte die Wahl des geringeren Übels: „Ist der auf mich zukommende Panzer furchterregender als der zu erwartende Schmerz durch Kandare und Sporen.“
Diese Situation besteht im friedlichen Wettstreit der Völker zum Glück nicht mehr.

WE: Frau Strasser, wollen Sie als Veterinärmedizinerin und Jagdreiterin auch etwas dazu sagen?

Strasser: Gern, ich finde den Begriff „barbarisch“ durchaus treffend, wenn man im Wort die unverstandenen grausamen Riten der Naturvölker versteht, vor denen sich die „zivilisierten Griechen und Römer geekelt haben! Es ist unverständlich und unnötig grausam, einem Sportkameraden mit Bewusstsein Schmerzen und Leiden zuzufügen und so zu tun, als wäre alles gut!
Vorsätzlich werden die Füße geschädigt, vorsätzlich wird den Pferden ihre Freiheit entzogen und ihr Herdenleben unmöglich gemacht, vorsätzlich wird das Herz-Kreislaufsystem geschädigt, vorsätzlich wird Eisen ins hochempfindliche Maul gesteckt und damit über Hebel erheblicher Schmerz ausgelöst! (Das alles steht in meinem allerersten Buch von 1998 („Ohne Eisen“)

WE: Haben Sie konkrete Vorschläge zur Reform des Tierschutzes?

Strasser: Der Tierschutz muss nicht reformiert, sondern die bestehenden Gesetze umgesetzt werden, ohne materielle Interessen davor zu setzen!

Paschel: Es müssten natürlich unabhängige Experten wie Frau Dr. Strasser befragt werden, aber aus meiner Sicht als Reiter wären Reformen bzw. rechtlich verbindliche Verordnungen, vergleichbar mit dem Schweizer Modell, in vier Bereichen erforderlich.
Materialeinsatz: Verbot des Gebisses beim jungen Pferd bis zum 4. Lebensjahr. Grundsätzliches Verbot von Kandare, Sperrriemen, Sporen und Hilfszügeln, die das Pferd in seiner Balance behindern. Hufbeschlag sollte nur noch bei ärztlicher Indikation erlaubt sein.
Umgang: Verbot der Hyperflexion, des Barrens oder Touchierens, wie es verharmlosend genannt wird, Elektroschocks sowie andere Trainingsmethoden, die geeignet sind das Pferd über Schmerz gefügig zu machen und die Gesundheit gefährden.
Haltung: Minimalanforderungen wie z. B. der Laufstall müssten als verbindlich vorgeschrieben werden.
Veranstaltungen: Verbot von Veranstaltungen, die gegen das Tierschutzgesetz verstoßen wie z. B. das Mächtigkeitsspringen und entsprechende private Spektakelveranstaltungen.
Eigentlich halte ich mittlerweile das Gebiss ganz für überflüssig, sogar im Fahrsport, aber da schätzungsweise über 90 % der Reiterinnen mit Gebiss reiten, weil sie sich damit sicherer fühlen, wäre es im Moment eine Utopie, von Politikern zu fordern, dass sie das in einem Gesetz verankern.
Es würde aber zu einer realen Utopie, wenn gebisslose Reiter mit Gebissreitern in Konkurrenz treten könnten.

WE: Aber bewirkt man damit nicht im Dressur- und Springsport sowie im Westernreiten ein Absinken des Leistungsniveaus?

Strasser: Die Leistung im Umgang und im gemeinsamen Sport mit Pferden muss in erster Linie mal der Mensch erbringen: er muss die Sprache der Pferde erlernen und auf Vertrauensbasis in völliger Freiheit der Pferde (ob sie mitspielen möchten oder lieber zur Herde rennen) gemeinsamen Sport üben. Es muss nicht zum Absinken der Leistungen kommen und wenn, dann nur, weil die Menschen zu faul sind, sich mit den Pferden zu arrangieren!

Paschel: Entscheidend ist die Unversehrtheit des Sportlers. Als ehemaliger Leistungssportler in mehreren Sportarten plädiere ich dafür, dass diese Bedingung auch für den „Athleten“ Pferd gilt. Das hat Priorität vor der Leistung.
In einigen Disziplinen würde die Leistungsfähigkeit mutmaßlich sogar verbessert, weil das Pferd ohne Gebiss besser atmen kann. Dazu brauche ich keine wissenschaftliche Untersuchung, es reicht der gesunde Menschenverstand.
In der Dressur würde das tänzerische Element wieder stärker in die Bewertung kommen, also die künstlerische Leistung. Das wäre doch eine Anhebung des Niveaus oder?

WE: Das kommt auf die Sichtweise an. Kunst ist eben ein Produkt der Gesellschaft, oder?

Strasser: Durchaus! Es darf nur nicht zu Lasten der Umwelt, zu Lasten in diesem Falle von Pferden passieren! Es gibt genügend Beispiele, dass Mensch und Pferd in völliger Freiheit große Leistungen vollbringen.
Es darf nicht vergessen werden, dass die Qualität unserer Umwelt und damit auch aller Tiere ein höheres Gut für uns Menschen darstellt, also individuelle Kunststücke!

Paschel: Das denke ich auch. Ich könnte mir vorstellen, dass in der Aristokratie, die in der Reitgeschichte lange Zeit bestimmend war, die Parole „Zurück zur Kunst der alten Meister“ Anklang findet. Leider bestimmt der Geldadel heute den Reitsport.
Mein Diskussionsansatz ist deshalb nicht der Kunstbegriff sondern der Tierschutz.
Es hat sich mittlerweile in der Bewertung der Dressur durchgesetzt, dass die Pferde, die bei extremer Beugung im Hals, die durch Zügeleinsatz über das Gebiss erfolgt, und gleichzeitiger Aufrichtung, sowie Absenkung hinten, hohe Punktzahlen bekommen.
Diese und andere spektakuläre Bewegungsformen, die hoch bewertet werden, können nur in der Verspannung erzeugt werden, wie das Dr. Heuschmann als ehemaliger Leiter der Veterinärabteilung der FN in Warendorf kritisiert. Bei chronischen Verspannungen der Muskulatur kommt es zu typischen Schädigungen in verschiedenen Gelenken und Organen, die dazu führen, dass viele Sportpferde mit 7-8 Jahren schon zum Invaliden werden. Experten schätzen, dass 4 Pferde kaputtgeritten werden, bis ein Pferd den Sprung in die Spitze schafft.
Gleichzeitig werden Verletzungen im Maul des Pferdes in Kauf genommen. Eingegriffen wird – wenn überhaupt – immer erst, wenn Blut fließt! Eine blau angelaufene heraushängende Zunge bei den letzen Weltmeisterschaften im Springreiten wurde vom Reporter im Fernsehen als Schönheitsfehler hingestellt.
Das nach vorn abwärts gedehnte Pferd, wie wir es vom Grasen kennen, ist die Haltung, in der das Pferd sich selbst am besten tragen kann. Die klassische Dressur, wie sie Dr. Heuschmann fordert, verzichtet auf alle spektakulären Bewegungsabläufe zugunsten der natürlichen Bewegungen, was sich anscheinend nicht vermarkten lässt bei den heute praktizierten Show- und Spektakelveranstaltungen.

WE: Ist es nicht so, dass viele Sportpferde heutzutage die Koppel zum Grasen kaum noch kennen?

Strasser: Ja, und das widerspricht unserem Tierschutzgesetz, das artgerechte Haltungsbedingungen für alle Tiere vorschreibt! Es ist eine Schande, dass weder Tierärzte noch Behörden da eingreifen, um dem Gesetz und den Tieren Genüge zu tun!

Paschel: Das stimme ich zu. Theoretisch sind sich fast alle Reiter, ob Sport oder Freizeit, einig: Das Pferd soll als Beutetier, Fluchttier und Herdentier artgerecht behandelt werden. Artgerecht für das Pferd ist allerdings nur die Steppe. Es geht deshalb um Mindeststandards, die dem Artgerechten nahe kommen.
Die auch im Freizeitbereich nicht unbedingt immer teuren Pferde könnten sich ja in der Gruppe verletzen und werden deshalb allein oder höchstens mit Sichtkontakt zum Artgenossen gehalten. Das z. B. wäre leicht mit einer Verordnung zu regeln, die Gruppenhaltung vorschreibt, wobei noch zwischen Gruppe und Herde zu unterscheiden ist. In der Herde sind in der Regel ein Hengst und auch Jungtiere. Aber das zu diskutieren würde hier zu weit führen.
Sie werden geschoren im Winter oder bekommen eine Decke, die verhindert, dass es ein Winterfell bekommt, obwohl alle Pferde ein Thermoreguliersystem haben und sich an Temperaturunterschiede von -20 bis +20 anpassen können. Eine Schwächung des Immunsystems wird dabei in Kauf genommen.
Sie werden bandagiert, obwohl ihnen damit die Blutzufuhr gedrosselt wird.
Sie werden mit scharfen Gebissen und Sporen traktiert, gerade auch im unteren Leistungsniveau.
Die Hufe werden mit Eisen beschlagen, wodurch der Hufmechanismus empfindlich gestört wir und erwiesenermaßen in Verbindung zu Gelenkschäden und anderen Krankheiten führt, besonders bei gleichzeitigem Bewegungsmangel.
Das Gebiss ist auf Turnieren Pflicht, obwohl mittlerweile viele Reiterinnen darauf verzichten würden.

WE: Aber Gebiss und Sporen ermöglichen doch „Feine Hilfen“?

Strasser: Beide ermöglichen Schmerzeinwirkungen, vor denen das Pferd sich fürchtet und deshalb als Lerneffekt schmerzhafte Körperverrenkungen macht, um diesem „Hilfenschmerz“ zuvorzukommen!

Paschel: Das stimmt, weil keine Alternative zugelassen ist. Der Mythos „Feine Hilfen“ dient auch dazu, die Grausamkeit dieser scharfen Werkzeuge zu verharmlosen. Feine Hilfen kann man gerade mit weniger scharfen Werkzeugen geben, wie diverse Vorführungen und Videos auf Grand Prix-Niveau erkennen lassen.
Das Gebiss und sogar die Kandare sind allerdings durch Regeln vorgeschrieben. Warum?
Gebissloses Reiten ist verboten beim Dressurreiten, obwohl es ein viel größeres reiterisches Können voraussetzt.
Es gibt sogar vermehrt Beispiele, wo gänzlich ohne Zügel und schmerzfrei für das Pferd Dressur- und Springprüfungen oder in der anspruchsvollen Disziplin Jagdreiten (Fuchsjagd) souveräne Vorstellungen mit einem einfachen Halsring auf hohem Niveau gezeigt werden.
Einige Spitzenreiterinnen wie Uta Gräf, Ingrid Klimke, Michael Jung und Sandra Auffarth zeigen dafür Sympathie, sind aber in der Minderheit.
Die Mehrheit im knallharten Profisport zeigt das Gegenteil nämlich, dass die meisten Sportpferde aus Angst vor Schmerzen reagieren. Das Pferd hat leider keinen Laut für Schmerz, weil es als Fluchttier dadurch Vorteile hat. In der Lernpsychologie wird das Ergebnis „Erlernte Hilflosigkeit“ genannt.

WE: Können Sie den Begriff erklären?

Paschel: Der Begriff wurde Ende der 1960er Jahre von den US-amerikanischen Psychologen Seeligmann und Maier geprägt. Sie beschreiben ein Phänomen, das sich sowohl bei Menschen als auch bei Tieren beobachten lässt. Sobald die Hilf- oder Machtlosigkeit zu groß wird und zu lange andauert, wird sich widerstandslos ergeben, Resignation ist die Folge. Das Pferd ergibt sich in sein Schicksal, weil es (pferdesprachlich) gebrochen wurde.

Aber der erst in diesem Jahr entworfene Kriterienkatalog der FN für die Beurteilung von Reiter und Pferd auf dem Vorbereitungsplatz ist doch eine sinnvolle praktische Umsetzung.

Strasser: Die FN hat seit Jahrzehnten einen herrlichen Ethik-Katalog. Das Papier schreit nicht, weil das Gegenteil von den FN-Organisationen gemacht wird.

Paschel: Es wäre ein erster Schritt, wenn er konsequent in der Praxis umgesetzt würde. Die Beobachtung auf vielen Reitturnieren zeigt, dass sich kaum etwas verändert hat, weil Richter sich mit Veranstaltern nicht anlegen wollen oder einfach überfordert sind. Wie soll ein Richter gleichzeitig bei 12 Reiterinnen die Zeit stoppen, um zu überprüfen, wer länger als 10 min. in der Hyperflexion (LDR) reitet? So wie ich das im Moment sehe, können Sie den Kriterienkatalog vergessen.

WE: Das ist nachvollziehbar. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann geht Ihre Kritik noch tiefer. Bezeichnen Sie den Gebrauch eines Gebisses grundsätzlich schon als Grausamkeit?

Strasser: Ja! Es ist grausam und pervers zugleich, einem angeblichen Freund Schmerzen anzudrohen, wenn er eine geforderte Bewegung nicht ausführen will!

Paschel: Ja und Nein. Gutes Reiten ist für mich eine Kunst, die im Profisport pervertiert wird. So verstehe ich auch die Gegner der Rollkur, die dieses „Kraftreiten“ ablehnen, aber für den Gebrauch des Gebisses eintreten. Zweifellos kann man mit „Feinen Zügelhilfen“ auch mit Gebiss reiten, aber im Hintergrund steht immer die Drohung: „Wenn du nicht spurst, tut es weh!“
Das müsste man auch dem Zuschauer vermitteln.
Wenn allerdings Reporter im Fernsehen von Losgelassenheit schwärmen bei einem Pferd, dass in totaler Verspannung ist, fällt das schwer.
Alle Mittel, die zur Folter geeignet sind, auch im menschlichen Umgang, können im Spiel ohne Grausamkeit verwendet werden. Mit einer Peitsche kann ich Sie schlagen oder streicheln, mit Sporen kann ich Sie auch kitzeln. Sie würden aber nicht 400 m Hürden laufen und sich freiwillig eine Eisenstange im Mund verschnallen oder?
Weshalb soll man die Mittel benutzen, wenn sie gar nicht nötig sind?

WE: Aber das Pferd ist doch immer noch ein Fluchttier, das man im Ernstfall, wenn es durchgeht, bremsen muss.

Strasser: Falsch! Der Umgang mit einem Pferd muss so sein, dass das Vertrauensverhältnis zu dem Menschen, der gerade auf seinem Rücken sitzt, größer ist als jede denkbare Gefahr, die zur Flucht animieren würde! Hierin besteht die Reitkunst!

Paschel: Das stimmt und im Ernstfall kann es sogar passieren, dass das Pferd erst recht durchgeht oder steigt, wenn Sie in einer für das Pferd bedrohlichen Situation zusätzlich einen starken Schmerzimpuls erzeugen.
Besser wäre es, sich auf den ursprünglichen Sinn des Dressurreitens zu besinnen, nämlich ein im Gelände gelassenes und kontrollierbares Pferd zu haben. Dazu brauchen Sie kein Gebiss, sondern mehr Vertrauen, welches Sie allerdings durch Schmerz zerstören.
Das gilt auch für Westernreiter, die zum Teil mit riesigen Sporen und abenteuerlichen Gebissen hantieren, die unnötig sind und aus meiner Sicht in den Bereich „Materialfetischismus“ gehören, obwohl wiederum das Reiten ohne Gebiss in Westernkreisen, speziell bei jungen Pferden, verbreitet ist.

WE: Den Missbrauch mit Pferden kritisieren Sie also genau so im Freizeitbereich?

Strasser: Ich kritisiere alle Menschen, die mit List oder Falschheit einen Freund behandeln!

Paschel: Ich auch, aber viele Freizeitreiter kopieren unreflektiert ihre Vorbilder und manchmal sogar in negativem Sinne.

WE: Wie das?

Paschel: Als Experte der Bewegungs- und Trainingslehre sehe ich im Freizeitbereich, dass viele Pferde an Bewegungsarmut leiden. Ein Pferd , das nicht auf einer großen Koppel steht, sollte mindestens 2 Stunden am Tag gut bewegt werden, inklusive eines Galopps, der Fluchtgangart des Pferdes, über mind. 300 m, um Gelenkschäden vorzubeugen. Diesen Vorwurf kann man den Sportreitern nicht machen, wenn sie denn keine Folter betreiben und die Pferde nicht einseitig überfordern.

WE: Wie ich auf Ihrer Homepage sehe, gibt es unter den Vertretern. die gegen den Missbrauch des Pferdes kämpfen, Forderungen von „Total absteigen“ bis „Rückkehr zur Reitkunst der alten Meister“. Wo stehen Sie da?

Strasser: Es kann nur geben: Lernen der Pferdeausdrucksweisen und Herstellen unerschütterlichen Vertrauens. Man kann mit jedem Lebewesen eine Vertrauensbasis aufbauen und großartige Leistungen vollbringen, sei es im Zirkus mit anderen Menschen (z.B. am Trapez, das funktioniert nur auf absolutem vertrauen). Zum Trainieren der „Hohen Schule“ braucht man keine Androhung von Schmerzen, das geht alles auf Verständnis- und Vertrauensbasis!

Paschel: Zum Vertrauen gehört nach meiner Erfahrung zusätzlich der gegenseitige Respekt, der in vielen Reitschulen nur als Gehorsam des Pferdes verstanden wird.
Total absteigen, wie das z. B. der Russe Alexander Nevzorov und Maksida Vogt fordern, widerstrebt meinen Bedürfnissen, da ich zu gern reite, aber ich kann die Forderung nachvollziehen, wenn ich sehe, wie verbreitet der Missbrauch des Pferdes ist.
Das Glück der Erde auf dem Rücken der Pferde findet für mich nicht im Wettkampf statt sondern in der freien Natur, wo das Pferd zu Hause ist. Der Wettkampfsport ist das, was die Gesellschaft daraus macht, nicht nur mit Pferden.
Als langjähriger Leistungs- und Wettkampfsportler muss ich sagen, dass die spezielle Situation, ein Tier zu benutzen, immer besonders anfällig ist für Missbrauch sein wird, selbst wenn die gesetzlichen Rahmenbedingungen besser sind.
Außerdem ist das Reiten von einer 4000jährigen Tradition belastet, die ein elitäres Denken erzeugt hat, das nicht so einfach durch Gesetze verändert werden kann.

WE: Das wäre ein guter Schluss, aber sagen sie noch, was sie von den politischen Parteien erwarten.

Strasser: Die Politischen Parteien rufe ich auf, sich gelegentlich das Grundgesetz durchzulesen und die darin enthaltenen Paragraphen über Tierschutz ohne wenn und aber und ohne Ausnahmen umzusetzen.

Paschel: Wir haben eine Eingabe an den Petitionsausschuss und die Fraktionen im Bundestag gerichtet, um verbindliche Verordnungen im Tierschutzgesetzt zu erwirken.
Tatbestände, die im Tierschutzgesetz schon allgemein formuliert sind – „Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen“, – müssen konkretisiert und beim Namen genannt werden.
Die Veterinärämter sind überfordert, wenn Experten der Reitverbände und Tierärzte, die als Gutachter in Erscheinung treten, den Missbrauch verharmlosen, weil sie zuweilen sogar selbst davon profitieren, wenn sie Pferde fit spritzen.
Wünschenswert wäre darüber hinaus auch eine europa- oder weltweite Initiative, wenn das realisierbar ist. Papst Franziskus hätte die Mittel und er nutzt sie anscheinend. Wie Pferde in anderen Religionen gesehen werden, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber das sind nur Gedankenspiele in die Zukunft.
Ein gutes Schlusswort dazu ist die Aussage des Papstes: „Auch Tiere sind Geschöpfe Gottes!“

WE: Frau Strasser und Herr Paschel, vielen Dank für das Gespräch.

Anmerkung:

Die Erstveröffentlichung erfolgte am 18. Januar 2015, um 18:36 Uhr, im WELTEXPRESS.

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