19. November 2017

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Das Rätsel der Sphinx – Serie: Die Ödipussage, Teil 2/2

Große Sphinx von Gizeh in Ägypten. Quelle: Pixabay, gemeinfrei, CC0 Public Domain

Frankfurt am Main, Deutschland (Salon Philosophique).

Selffulfilling prophecy

Der weitere Verlauf der Ereignisse zeigt sehr schön, wie im menschlichen Leben gerade durch die Verhinderungsversuche die Bedrohung sich erfüllt. Vatermord und Inzest wären ohne die Verhinderungsstrategie des Vaters von Ödipus wohl kaum passiert. Die Folge ist ein Kreislauf der Traumatisierungen. Obwohl laut Erzählung der Totschlag mehr zufällig erfolgte, zeigt der Mythos, dass in der Traumatisierung Zufälle und Umstände geleugnet und einer vorbestimmten, schicksalshaften Verkettung und gleichzeitig einer Selbstverschuldung zugeschrieben werden. Diese sich selbst erfüllende Prophezeiung ist unter Traumabedingungen im Alltag allgegenwärtig. Dann kommt es zu paradoxen Situationen, dass etwa im internationalen Rahmen zur Vermeidung von Krieg und um des Friedens willen Krieg geführt wird wie derzeitig im Irakkrieg. Ebenso kann es zu Widersprüchen führen, dass bei idealistischen hehren Zielen grausame Hegemonieansprüche bestehen.

Bei der Vermeidung von Streit als Bedrohung in Familien etwa brechen die Aggressionen versteckt an allen möglichen Ecken und Kanten hervor und alle sind zerstritten. Da die Bedrohungen als einzige und ewige Realitäten wahrgenommen werden, geht die Subjektivität verloren. Dann wird sich in der subjektiven Wahrheit um die objektive gestritten, ein Kampf um Recht und Unrecht, Sieg und Niederlage, wie im Angstmilieu regelmäßig zu finden ist. Es findet eine Spaltung statt, wenn der Eine recht hat, muß der Andere unrecht haben. Ein Streitexperte sagt somit zu recht „wenn einer gewinnt, haben beide verloren“. Man spricht auch von einem Pyrrhussieg. In diesem Umfeld treten besonders häufig Ängste und Phobien mit körperlichen Begleiterscheinungen auf. Im Alltag wird das Unglück geradezu erwartet „Endlich sandten die Götter die Pest…“ und das Eintreten kann eine Erlösung und Befreiung von den immerwährenden Ängsten bedeuten. Menschen mit Verlust- und Trennungsangst führen oft genug vorher selber die Trennung und den Verlust herbei, um so von ihren Ängsten befreit zu werden.

Die Blendung des Ödipus

Die Blendung des Ödipus hat neben einer Selbstbestrafung und Sühne vorwiegend das zentrale Motiv, die eigene Schande in den Augen der Umgebung, den Bürgern von Theben, nicht sehen zu wollen und zu können. Ödipus wollte nicht den Inhalt seiner eigenen Bewertungen und Bedeutungen im Angesicht anderer, sich selbst in den Anderen, sehen – das tragische Schicksal vieler traumatisch differenzierungslos Geblendeten. Er sah nicht die Umstände, die Verkettung unglücklicher Umstände, gemessen an denen er unschuldig gewesen wäre. Sein Trauma war das der Schuld wie bei allen Traumatisierten, die sich für alles schuldig fühlen, was eigentlich mit ihnen herzlich wenig zu tun hat. Dadurch werden sie zu einer Art Gott, hier der König, erhoben, der das Schicksal aller Menschen auf sich bezieht. Sehenden Auges hätte er Nachsicht, da er ein beliebter König war, und Mitleid in den Augen der Bürger von Theben gesehen, aber keine Verurteilung, so wie er sich selbst verurteilte. Gerade durch die Blendung seiner Augen hat sich sein tragisches Schicksal erfüllt, ähnlich wie viele Angstpatienten ihre Selbstverurteilung in den Augen anderer fürchten. Sehenden Auges hätte er die Chance der Neubeurteilung gehabt. Für Ödipus gelten alleine die Inhalte und Taten, während verständnisvolle und differenzierte Menschen mehr die Umstände und Rahmenbedingungen zur Beurteilung eines Menschen heranziehen. Er ist Hellseher, der nicht Blindheit und Sehen unterscheiden kann. Ödipus macht sich blind, blind gegenüber dem, was ist, und sehend in den anderen, was nicht ist, aber in ihm ist – ein projektives Erleben wie bei vielen bedrohlichen Zukunftsprophezeiungen.

Ödipus muss wohl in einem traumatisierenden rigiden Umfeld aufgewachsen sein, deswegen wohl sein Jähzorn, dass er nichts anderes mehr sehen kann und er ausschließlich seine Selbstverurteilung im Umfeld sah. Auf seiner Wanderschaft war er blind bzw. sah nicht, dass er seine Sichtweisen mit auf die Reise nahm. Ich erkläre mir den religiösen Fundamentalismus in Sekten, beispielsweise in den USA, durch das Auswanderer-Schicksal früherer Generationen aus schwierigen Umständen, sodass sie infolge ihrer rigiden Moral und ihrem missionarischen Eifer – wie jetzt die Bush-Administration – sich und Andersdenkenden das Leben schwer machen. Mir ist vertraut, dass Angstpatienten alles tun, um ihre Fehler und Schwächen nicht im Umfeld sichtbar erscheinen zu lassen. Viele glauben auch noch hellseherisch, dass man sie ihnen ansehe, und sehen nicht, dass sie inzwischen alles getan haben, um ihre Ängste im Umfeld nicht sichtbar werden zu lassen, und besonders selbstsicher und souverän auftreten. Die Umwelt ist für sie eine Bühne der Bloßstellung und Bedrohung. Dies ist ihr Schicksal als Traumatisierte, für das sie herzlich wenig können.

Das Rätsel der Sphinx

Das Rätsel der Sphinx zeigt die tödliche Bedrohung der Lösung des Rätsels des menschlichen Seins, entweder im Falle der Lösung für die Sphinx oder im Falle der Nichtlösung für den Rätselratenden. Die Sphinx selbst ist ein Wesen, halb Mensch, halb Tier, als Symbol des tierischen und menschlichen Wesens im Menschen, der animalischen Triebe und des Geistes und Verstandes. Dieses Menschtier bzw. Tiermensch stellt die Frage nach dem Menschen, einem Spiegel seiner selbst, einem Rätsel. Wegen dieser tödlichen Bedrohung ist eine nicht nur im Mythos an sich einfache Frage so schwierig zu lösen. Das Wesen Mensch ist so sehr von Phantasien, Bildern und Realitätskonstruktionen hinsichtlich seines realen Wesens geprägt, die auf Verleugnungen, Projektionen, Schönfärbereien, Dramatisieren, Katastrophisieren und Bagatellisieren beruhen, so daß kein Mensch weiß, wo er wirklich dran ist, und er zu seinem eigenen Rätsel wird. Für den traumatisierten und folglich eindimensionalen Menschen, der Differenzierungen und Ambivalenzen in sichtbaren und unsichtbaren oder bewußten und unbewußten Anteilen nicht wahrnehmen und integrieren kann, ist der Mensch und die Welt ein einziges Rätsel. Er ist auf der ewigen Suche nach der Wahrheit.

Theologen, Geistes- und Naturwissenschaftler bemühen sich seit Jahrtausenden um die Lösung und finden je nach ihrem Blickwinkel religiöse, philosophische oder naturwissenschaftliche, organische bzw. biologische Antworten. Es ist ein reines Hase-Igel-Spiel. Die einen rennen und bemühen sich, die anderen haben schon lange die Lösung und den Stein des Weisen gefunden. Laut Sage und somit im heutigen Alltag ist die tödliche Bedrohung, dass in der Natur des Menschen Schwächen, Fehler, animalische Triebe und Schuld gefunden werden, die für ihn eine katastrophale Bloßstellung bedeuteten, sodass diese, seine wahre Natur auf keinen Fall gefunden werden darf. Wird das Rätsel seiner Natur nicht gelöst, ist er sich selbst, seinen Katastrophen und katastrophalen Verhinderungstrategien hilflos ausgeliefert. Egal wie, wird die Natur des Wesens Mensch geklärt oder nicht geklärt, entsprechend dem Sisyphusmythos ein erfolgloses und hoffnungsloses Bemühen, geht das Rätselraten weiter und findet keine Lösung. Zwischen beiden Abgründen, Skylla und Charybdis, führt nur ein schmaler Grad.

Wir „Psychos“ werden im Gesundheitswesen bei unseren Lösungsversuchen heftig attackiert, wobei weite Bereiche wie der psychosoziale Kontext tabuisiert sind. Als die Psychoanalyse in den USA den Begriff der „schizophrenogenen Mutter“ kreierte, war sie bei vielen völlig unten durch. Es erhob sich ein Schrei der Empörung im ganzen Land „wir sollen an der Krankheit unserer Kinder schuld sein, wo wir doch alles tun, um sie zu verhindern!“ Schicksal wird mit Schuld gleich gesetzt. Falls man bei Krebskranken von psychischen Faktoren spricht, wird der Kranke sofort „geschützt“, „er fühle sich sowieso schon an seiner Krankheit schuldig“. Millionen Forschungsgelder werden bei vielen Volkskrankheiten dort ausgegeben, wo die Lösungen garantiert nicht zu finden sind. Scham, Schande, Ächtung und Schuld sind zu große existentielle Bedrohungen, die heute trotz scheinbarer Aufklärung genauso aktuell sind wie zu Zeiten der Erfindung der Sphinx.

Weitere tragische menschliche Verhältnisse werden im griechischen Mythos etwa bei Sisyphus dargestellt, die Tragik des unendlichen erfolglosen Bemühens als Strafe für die frühere Hybris, der menschlichen Gottgleichheit, der Sage von Dädalos und Ikaros, der tödlichen Bedrohung und Strafe, wenn der Sohn sich über den Vater erhebt und im jugendlichen Übermut zu hoch hinaus will, Skylla und Charybdis, der schmale Weg zwischen den Bedrohungen, oder des Kopfes der Hydra. Aus jeder Bedrohung erwachsen neue, etwa wenn der Angstpatient sich seine Ängste anzuschauen versucht und immer neue Ängste sieht, sodass er lieber nicht hinsieht und seine Ängste verdrängt oder verleugnet. Das kann zwar lange tragen, beinhaltet aber nicht nur seelische, sondern auch körperliche Folgen, die noch zur Sprache kommen.

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Bernd Holstiege wurde im WELTEXPRESS am 06.03.2006 erstveröffentlicht.

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