24. September 2017

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Über den Umgang mit dem „bösen“ Blick und seine Folgen – Die Scham und die Schuld

Quelle: Pixabay, Rechte: gemeinfrei, Creative Commons CC0

Frankfurt am Main, Deutschland (Salon Philosophique). Eine Psychologin erzählte, wenn ihre Mutter sie mit einem eiskalten, bösen Blick ansah, reagierte sie mit Anpassung, Gehorsam, gleichzeitig mit latentem Trotz. In dieser Ambivalenz sah sie sich stecken geblieben. Anschließend habe sie sich zu einer perfekten Lügnerin entwickelt. Man kann sich das Wechselspiel zwischen Lügen und Ertapptwerden beim Lügen, und die Strafaktionen vorstellen. Also so ganz hilflos war sie auch nicht, obwohl sie nur Hilflosigkeit wahrnahm.
Ein Patient erzählte mir, seine Mutter hatte, wenn er mal nicht nach ihrem Willen war, einen kalten, bitterbösen Blick, mit dem sie ihn sogar dirigieren konnte. Er reagierte muffig, trotzig, war völlig neben der Kapp, nicht mehr Herr über sich selbst. Das führte später dazu, wenn seine Ehefrau innere Konflikte hatte, und die hatte sie oft, quoll ihr Gesicht auf zu einem für ihn „hässlichen“ Gesicht, auch die Augen, auf das er sehr empfindlich ablehnend reagierte. Wenn er sie trotzdem in den Arm nahm, versteinerte er innerlich, wurde zu einem eiskalten Block, bar jeder warmen Gefühlsregung. Das war für ihn unerträglich. Seine ablehnende Reaktion verschlimmerte das Ganze und machte ihr wiederum Probleme.

Wenn er sie so wütend machte, daß sie heftig wütend wurde, dann wurde ihr Gesicht zu seinem Erstaunen plötzlich wieder schön. Also zur eigenen Wut zu stehen, machte ihr Gesicht wieder schön, und er konnte die Wut akzeptieren. Diese Vorgänge wurden ihm erst langsam klar, daß das Gesicht und die Augen seiner Mutter dahinter standen, er es in sie hinein gesehen hatte, zumindest war es verschlimmert worden. Später sah er, er hatte es überzeichnet gesehen, er reagierte sozusagen hyperallergisch. Ihm blieb früher nichts anderes übrig, es war so unerträglich für ihn, als sein Heil vorübergehend bei anderen Frauen (Müttern) zu suchen, fremd zu gehen – ein in meinen Augen häufiger Vorgang.

Im letzten Artikel über den bösen Blick hatte ich vom Schicksal eines Patienten berichtet. Jetzt will ich mehr allgemeines der Reaktionsformen auf den „bösen“ Blick schildern. Das Auge ist das Fenster der Seele, aber nicht nur als Wahrnehmungs-, sondern auch als Wahrgebungsorgan, nicht nur Empfänger, sondern auch Sender. Der missachtende, demütigende und verurteilende „Sehstrahl“ kann sozial und dann auch biologisch töten. Wenn Blicke tödlich sind. Er bedeutet die magische Macht des Sehens und ein Eindringen in die Person des anderen, die ihn ganz hilflos macht.. Unter Umständen erleidet er z.B. den Vodoo-Tod.
Psychoanalytisch spricht man von projektiver Identifizierung. Dabei projizieren die Mutter oder die Eltern Persönlichkeitsanteile in das Kind, und weil es sich mit Eindringling identifiziert, es sich zu eigen macht, ihm recht gibt, fühlt er sich von innen dirigiert. Es handelt nach diesen Bildern, es wird zum Selbstbild. Dann ist die Mutter die Gute und das Kind das Böse.

Das seelische Sich-Selbst-Erkennen erfolgt in der frühen Kindheit durch den und im Blick, im Spiegel der Umgebung und deren Resonanz, hauptsächlich der Mutter. Die Art des Blickes wird zur Selbstinstanz und zur Identität. In den Augen der Mutter erkennt sich das Kind wieder. Wenn dieser Spiegel fort bleibt oder verletzende Ablehnung und Verurteilung ausdrückt, „verhungern“ die Kinder sozusagen seelisch. Ihnen fehlt die gelungene Selbstrepräsentanz. Selbstbild und Selbstgefühl sind beeinträchtigt. Die ständige Wiederholung dieser Erfahrung, kann das Gefühl hervorrufen, verkehrt oder böse zu sein, ohne das Geringste daran ändern zu können. Auch wie der Vater gesehen wird, fließt in die Prägung durch die Augen der frühen Mutter ein. Dann wird der Vater böse behandelt, reagiert wiederum böse, und Kind und Mutter haben im Sinne einer sich-selbst-erfüllenden Prophezeiung recht.

Das beherrschende Gefühl an der Schnittstelle zwischen innen und außen, zwischen ich und du, ist die Scham unter der Vorraussetzung, dass das Subjekt die aburteilenden Aspekte voll verinnerlicht hat. Die Scham wurde geradezu erzeugt durch den Blick. Ich muß mich schämen im Angesicht der anderen. Die Scham entsteht im zwischenmenschlichen Raum durch die Bloßstellung. Scham motiviert uns, Dinge des eigenen Gefühls- und Intimlebens für uns zu behalten und beschützt die eigene Privatheit.
Während die Schuld das Ergebnis von Handlungen ist, die ich oder eine Gruppe begangen habe, und ich mich aufgrund der verinnerlichten Maßstäbe deswegen schuldig fühle.

Die Scham entsteht also in der Gegenwart oder dem Zukunftsentwurf, Entwurf, da es auch anders sich entwickeln kann, während die Schuld aus der Vergangenheit stammt. Wenn ein Ereignis, an dem mehrere beteiligt sind, schief läuft, wird normalerweise die Schuld an einem fest gemacht, dem Sündenbock und dem Schwächsten. Dabei sollten sich alle schämen, die Einen, dass sie die Schuld an einem fest machen, und der Schuldige, dass er so leichtgläubig ist, die Schuld zu übernehmen. Infolgedessen dient die Scham der Abwehr der Schuld.

Wenn man so missachtend und verächtlich behandelt wird, entstehen Aggressionen. Da aber die Objekte in einem selbst sind, man sie sich zu eigen gemacht hat, ihnen recht gibt, wenden sich die Aggressionen gegen die inneren Objekte, also gegen sich selbst, der Autoaggression.

Vor der Scham, dem bösen Blick und der Autoaggression muß man sich zur Wahrung des inneren Kerns, der Identität, der persönlichen Integrität, zur Selbstregulation und zur Beziehungsregulation schützen. Die Scham hat eine Wächterfunktion der Intimität, die vor den Blicken und Entwürdigungen anderer geschützt werden muß. Meistens geht das, indem ich mich nicht offenbare. Die Skopophobie ist die Furcht, den Blicken anderer ausgesetzt, entblößt zu sein. Die Angst ist, verurteilt, erniedrigt, gedemütigt zu werden, aber auch, andere zu demütigen und zu verurteilen. In diesem Fall sind sie mit dem anderen identifiziert. Durch die Identifikation ergeht es dem anderen genauso wie mir selbst. Die Scham dient also auch dem Schutz anderer.

Die Hilflosigkeit der Psychologin lag daran, weil sie überzeugt war, sie hätte entweder zu dem einen oder anderen stehen sollen, entweder Gehorchen oder Selbstbestimmung. Der Anspruch an den aufrechten Gang machte sie hilflos. Da ist sie unbemerkt zu einem weiteren Opfer ihrer Verinnerlichungen geworden. Denn wie ist das möglich in diesem Familienklima, zu sich selbst zu stehen. Deswegen glauben manche Menschen sogar an ihre Lügen als die Wahrheit und machen sich selbst was vor. Dann ist es entweder eine bewusste Notlüge oder unbewusste.

Ich bin der Meinung, der Mensch hat ein Selbstbestimmungsrecht, auch auf seine Aussage. Wenn er etwas anderes aussagt, als er selbst glaubt, ist das auch sein Recht. Ihn dann als einen Lügner zu bezeichnen, wenn er seine Rechte wahrnimmt, ist das eigentlich eine Unverschämtheit. Eine andere Frage ist, ob ihm noch zu glauben ist, wie er vor den anderen da steht und inwieweit die zwischenmenschlichen Beziehungen belastet sind. Ein Spruch heißt „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht.“

Das Eindringen und Gefügigmachen eines anderen ist eine Verletzung der Schamgrenze, einer Grenze zwischen sich und dem Anderen, sowohl für den, der eindringt, als auch für den, der in sich eindringen lässt. Beide sollten sich eigentlich schämen. Bloß handelt es sich einerseits um ein Kind, das den großen Eltern glaubt, ihnen hilflos ausgeliefert ist. Wenn diese überzeugt sind, ist es ebenfalls überzeugt. Die Eltern unterliegen oft einer Familientradition, dass sie nicht anderes können, überzeugt sind. Die Urgroßmutter hat schon gesagt, die Großmutter, die Mutter und die Tanten, evtl, die Väter dazu, und das Kind ist das letzte Glied in der Kette, es sei denn, es gebärt als Erwachsener wiederum ein Kind. Da der böse Blick eine verinnerlichte Reaktionsweise ist, über die der freie Wille nicht bestimmen kann, muß sich eigentlich niemand schämen. Aber schuldig fühlt er sich trotzdem.

Der böse Blick kann kaschiert oder transformiert werden z.B. als dunkler, versteinerter oder versteinernden Blick, als ängstlicher, durchbohrender, eindringlich wohlwollender oder als wissender, in den anderen eindringender, suggestiver Blick. Über den schmerzvollen, leidenden Blick habe ich im letzten Artikel geschrieben.

Zum wissenden Blick: Ich hatte ein Ehepaar. Der Mann hatte früher Drogen genommen, war von ihr geheilt worden, heute neigte er in Ausnahmezuständen zur Kleptomanie (zwanghaftes Stehlen) und hatte Bankeinbrüche begangen. Wenn er wieder in entsprechender Stimmung war, merkte die Ehefrau ihm etwas an und fragt ihn, was los sei. Das sei für ihn dermaßen unerträglich „dann bohrt sie und bohrt sie, obwohl sie genau weiß, was mit mir los ist, dass er alles abgestritten habe.“ Seine Mutter war mit Blicken in ihn eingedrungen, und er hatte etwas angestellt. Insofern hatte er seiner Mutter recht gegeben.

Zum wohlwollenden Blick: Ein Rollenspiel im Rahmen von Familientherapieseminaren ist mir noch nachhaltig und denkwürdig in Erinnerung. Es gab mir Aufschluß über meine Person, die Person des Professors und verbreitete gesellschaftliche Verhältnisse.
Die Situation war: Vater, Mutter, 15 jährige Tochter und 12 jähriger Sohn. Der Professor war der Vater, ich der Sohn und eine Studentin meine ältere Schwester. Das Familienproblem war, meine Schwester trieb es mit den Jungens, an sich altersgerecht ganz normal, für diese streng moralische Familie jedoch ein Problem. Die Mutter war zwiegespalten. Einerseits musste sie im Moralsinne dagegen sein, andererseits dachte sie an sich selbst zurück, gönnte ihrer Tochter die Freiheit und sah sich wohl selbst ein Stück in ihr. Ich selbst dachte spontan daran, in ein paar Jahren bin ich auch soweit, und wollte für meine ältere Schwester in die Bresche springen. Da traf mich von der Seite ein wohlwollend-strenger Blick meines Vaters „Du willst doch nicht etwa…!?“ – und ich schwenkte spontan total im Sinne der Moral um, zog mit lauter Allgemeinsätzen vom Leder und machte mit diesen meine Schwester fertig. Ich hatte ein doppeltes Machtgefühl, mit der Moral die Macht in der Familie in den Händen zu tragen, als Jüngster der Stärkste zu sein. Gleichzeitig entwarf ich in meiner Zukunftsaussicht, doch später irgendwie mein Schäfchen ins Trockene zu bringen und gleichzeitig immer zu wissen, was andere böses anstellen, um diese zu verurteilen – also eine typische Doppelmoral.

Nach dem Seminar sah mich die Studentin böse an „genau das Gleiche habe ich früher auch gehört und bin deswegen mit 15 zu Hause ausgezogen“. Sie konnte emotional nicht zwischen dem Spiel und heute unterscheiden. Ich auch nicht, als der Professor mir ein paar Wochen später auf der der Kliniktreppe entgegen kam und mich ansprach, fertigte ich ihn in 1 bis 2 Sätzen ab. Oh Gott! Hinterher überlegte ich mir, ich hatte das getan, weil er mich mit seinem bedrohlichen Wohlwollen zum Selbstboykott verführt hatte. Für einen wohlwollenden Vater war ich bereit alles zu tun, sogar gegen mich selbst. Das steckte in mir. Und der Professor bedachte mich weiterhin mit seinem Wohlwollen, weil ich so ein braver Sohn war. Er wusste ja nichts von meiner Phantasie zur Doppelmoral.

In vielen Familien ist es üblich, das Kind hat vordergründig brav zu sein, im Angesicht der Eltern ihnen recht zu geben. Hinterher tut es, was es will, Hauptsache das Bild stimmt. Damit wird sozusagen die Doppelmoral gezüchtet, meist von einem schlechten Gewissen begleitet. Dieser Zusammenhang ist gesellschaftlich weit verbreitet. Nach außen muß das Bild gewahrt sein, das äußere Image hängt davon ab. Was dann geschieht, ist nicht so wichtig.

Angstpatienten (Panikattakken, Phobien, psychosomatische Reaktionen als Angstäquivalente) haben Angst davor, dass die Mitmenschen sie durchschauen, dass ihr wahres Selbst entdeckt wird, ein böses Selbst, das sie verinnerlicht haben. Sie fürchten aktuell in der Umwelt das, was sie schon längst in der Kindheit verinnerlicht haben. Aber am meisten Angst haben sie vor den ihren eigenen Aggressionen, jedoch unbewußt. Da sind sie tatsächlich böse. Einem früheren Patienten kam der Gang über den Unicampus durch die Blicke anderer wie das reinste Spießrutenlaufen vor.

Gruppenpatientinnen sagten „ich versteh’ das nicht. Ich bin so ängstlich und unsicher, und alle sagen mir, ich bin so sicher und souverän.“ Wenn ich fragte, „was ist, wenn man es ihnen anmerkt?“, kam regelmäßig im Wortlaut „um Gottes willen, welche Blamage, ich wäre völlig unten durch!“. Sie merkten nicht, dass sie alles getan hatten, um ihr Innenbild nicht nach außen dringen zu lassen. Sie hatten Stärke und Souveranität nur vorgespielt, immer in der Angst durchschaut zu werden, aber nur in Ausnahmesituationen sah man ihnen etwas an. Sie waren durchaus erfolgreiche Frauen. Über ihre Aggressionen sprachen sie schon gar nicht. Männern geht es oft ähnlich.

Um nicht böse zu sein, neigen sie dazu, allen alles recht zu machen, alle Erwartungen zu erfüllen, auf jeden einzugehen, sind völlig angepaßt. Wenn die anderen jedoch gar nicht dran denken, auf sie einzugehen, reagieren sie entsprechend böse und aggressiv, was sie aber zur Wahrung der Harmonie wiederum verdrängen müssen. Dabei sind sie recht manipulativ, weswegen andere erst recht nicht auf sie eingehen. Angstneurotische Familien neigen zur (Pseudo)Harmonie und sind alle untereinander zerstritten.

Fundamentalistische muslimische Frauen vermummen sich völlig aus Angst vor dem männlichen Blick und, um sie nicht zu verführen, mit der Burka. Dabei hat der sexuelle Mißbrauch in diesen Kreisen durch die Väter und die Brüder in einem hohen Prozentsatz längst statt gefunden.

Andere Kulturen verwenden magische Hilfsmittel wie Amulette gegen den allseits verbreiteten bösen Blick. Eine Psychotherapeutin erzählte mir: Sie bekam von einer türkischen Patientin ein merkwürdiges Abschiedsgeschenk. Sie wußte lange nicht, was das sein sollte, hielt es lediglich für einen Dekoartikel, eine etwa untertassengroße Keramikscheibe, besetzt mit Blümchen aus Perlen und einer Art Spiegelei drin, weißes Rund mit blauschwarzer Mitte, das sie erst Monate später als ein großes lidloses Auge erkannte. Ein magisches Hilfsmittel zur Abwendung des bösen Blickes! Solche Gebilde werden in vielen Ländern immer noch benutzt. Bei den alten Ägyptern gab es das „Udjat-Auge“, das Falken-Auge des Horus, es symbolisierte „weite Sicht und Allwissenheit“ (Lexikon der Symbole, Udo Becker). Das Amulett sollte Unverletzbarkeit und ewige Fruchtbarkeit verleihen.

Mir fällt dabei auf, dass wir in unserer westlichen, aufgeklärten Kultur wenig oder keine magische Hilfsmittel zum Schutz vor dem bösen Blick haben. Wir sind dem schutzlos ausgeliefert. Illusionen haben auch ihre Tragkraft. Wir haben lediglich einen Gott, der uns Schutz und Trost spendet – wenn wir daran glauben. Und der Gott hat auch ein menschliches Gesicht, das der Vertreter auf Erden, und diese sind oft alles andere als heilig.

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dr. Bernd Holstiege wurde am 30. August 2014, um 13:31 Uhr MEZ, im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.

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