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Menschen für Tierrechte im Interview: „Pferde als Sportgeräte“

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Christina Ledermann mit ihrer Mischlingshündin Leni (12) aus dem Tierschutz, mit der sie heute durch die Wälder zieht., BU: BU Bernd Paschel, © 2008, Christina Ledermann

Erkrath , Deutschland (Salon Philosophique). Die Interviewpartnerin Christina Ledermann ist Pressereferentin und stellvertretende Vorsitzende beim Bundesverband Menschen für Tierrechte und ist mit Pferden und anderen Tieren aufgewachsen. Die Eltern liebten Araber und kamen in den 80er Jahren auf die Isländer. Noch im Grundschulalter erbte sie die ehemalige Zuchtstute Bót, mit der sie viele schöne Jahre verbrachte. Sie reitet heute nicht mehr, kann sich aber noch gut daran erinnern, wie schön es war mit den freundlichen „Isis“ durch die Wälder zu ziehen.

Bernd Paschel Liebe Frau Ledermann, von den vielen deutschen Tierschutzorganisationen greifen nur wenige das Thema „Pferde“ auf. Auch bei Ihnen steht verständlicherweise das Thema „Massentierhaltung“ und Tierversuche im Vordergrund. Tierversuche mit Pferden gibt es nach Ihren Informationen auch in Deutschland. Immerhin wurden im Jahr 2015 laut Statistik des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) 2252 Pferde, Esel und Maultiere für Tierversuche missbraucht.

Christina Ledermann Ja, beim BMEL heißt das aber nicht „missbraucht“ sondern „eingesetzt“. Die Zahl war 2014 mit fast 5500 sehr hoch. In 2016 ist die Zahl auf 370 Pferde gesunken.  Die meisten leiden in der  Grundlagenforschung.  Dies sind zum Beispiel, Studien zum Gleichgewichtssinn, Muskelerkrankungen, dem Magen-Darm- sowie des Hormonsystems. Eine weitere Studie bezog sich auf den sogenannten Schenkelbrand. Diese schmerzhafte Verbrennung dient zur Kennzeichnung der Rasse oder der Herkunft. Ab dem 1. Januar 2019 darf sie nicht mehr ohne vorherige Betäubung durchgeführt werden – ein fauler Kompromiss auf Kosten der Pferde, denn eine Betäubung nützt nur zum Zeitpunkt der Verbrennung und lässt kurze Zeit später nach. Die Tiere leiden jedoch mehrere Tage unter den Schmerzen. Eine Kennzeichnung via Mikrochip konnte gegen den Druck der Gestüte nicht durchgesetzt werden.

Paschel Das sind für mich ganz neue Fakten. Ich dachte bisher, Tierversuche mit Pferden finden nur im Ausland statt, wo es weniger oder gar keine Tierschutzbestimmungen gibt.

Christina Ledermann Pferde sind im Vergleich zu Mäusen und Ratten keine bevorzugte Spezies für Tierversuche. Dennoch werden Pferde weltweit in Tierversuchen eingesetzt. Die meisten Tests werden im Rahmen der tiermedizinischen Forschung durchgeführt. Doch Pferde sterben auch – wie bereits erwähnt – für die Erforschung menschlicher Krankheiten. Neben dem Tierversuchsbereich gibt es leider viele weitere Bereiche, in denen Pferde leiden.

Bernd Paschel Welche zum Beispiel?

Christina Ledermann Beispielsweise der Konsum von Pferdefleisch, für viele Deutsche ist das ein Tabu. Dennoch wurden im ersten Halbjahr 2017 knapp 940 Tonnen Pferdefleisch „produziert“. Andere Besispiele sind die Produktion von „pregnant mare’s urin“ (PMU) zur Behandlung von Wechseljahresbeschwerden bei Frauen. Dazu werden Östrogene aus dem Urin trächtiger Stuten gewonnen. Auf speziellen Farmen in Ländern wie China und Indien, werden sie dafür wie Gebärmaschinen unter furchtbaren Bedingungen gehalten. Dabei gibt es zahlreiche wirksame Präparate ohne Östrogene vom Pferd. Ein anderes Beispiel ist die die leidvolle und oft tödliche Produktion des Hormonpräparats PMSG, das in der Schweinezucht eingesetzt wird. Dafür werden in Südamerika trächtige Stuten zur Ader gelassen. Pferde leiden auch für die Gewinnung sogenannter Antitoxine – und das sind nur ein paar ausgewählte Beispiele.

Bernd Paschel Ich muss zugeben, dass ich auch davon nichts gewusst habe. Die Mehrheit der weiblichen Reitbesitzer sollte das noch mehr interessieren?

Christina Ledermann  Eigentlich ja, wenn man die Tierliebe ernst nimmt. Aber gerade beim Pferd wird die ambivalente Beziehung zum Tier besonders deutlich. Viele Pferdehalter vergöttern einerseits ihr Tier, andererseits werden im Alltag tierschutzwidrige Hilfs- und Zwangsmittel eingesetzt, um die Pferde gefügig zu machen.

Ein allseits in Verruf geratenes Pferd in typischer Verspannung, genannt Versammlung, die mit zwei Eisenstangen im empfindlichen Pferdemaul (Kandare) mittels Hebel und Kette erzeugt wird und den Unterkiefer zuschnürt. BU Bernd Paschel, © Pixabay

Bernd Paschel Da sind wir bei einem Punkt, der mich besonders interessiert, die rücksichtslose Ausbildung der Pferde, die sie schon in Ihrem Magazin Tierrechte  im April 2017 angeprangert haben. Über die Rollkur brauchen wir hier sicher nicht zu diskutieren, jedoch verstehe ich überhaupt nicht, wie das BMEL in seinem neuesten Entwurf die Rollkur sieht. So ist die Rollkur nach Ansicht des BMEL nur unter bestimmten Umständen tierschutzwidrig und das bei einer Sachlage, die veterinär- und verhaltenswissenschaftlich klar ist.

Ich selbst reite mittlerweile jedes Pferd gebisslos, einige schlecht ausgebildete Pferde brauchen einige Zeit für die Umstellung bei etwas begleitender Bodenarbeit. Gut ausgebildete Pferde kann man problemlos direkt ohne Gewiss reiten, sogar nur mit Halsring. Im Gelände stelle ich dabei fest, dass das Pferd sich leichter entspannt.

Oh , wie schön kann Reiten sein ohne Stress für Reiter und Pferd. © 2014, Paschel, Foto: Simone, BU: Bernd Paschel

Christina Ledermann Viele Reiter halten das Gebiss für notwendig. Das hat verschiedene Gründe wie z.B die Verkürzung der Ausbildungszeit des Pferdes, um schlechtes Reiten zu kompensieren oder schlicht die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Das Gegenteil tritt oft ein, da besonders im Maul des Pferdes viele empfindliche Nervenenden liegen. Gebisse verursachen Schmerzen, Verletzungen, schränken die Atmung ein und sind Ursache für unzählige Verhaltensprobleme. Dies hat Prof. Robert Cook von der Tufts University in Massachusetts in jahrelangen Forschungen nachgewiesen. Ich verstehe nicht, warum das noch immer von einem großen Teil der Reiterschaft negiert wird.

Bernd Paschel Dazu habe ich eine Theorie. Einerseits ist es schwer, altherbrachte Weisheiten und Gewohnheiten aufzugeben, die über Jahre oder Jahrzehnte gewachsen sind. Die als „sicher“ geglaubte Erkenntnis erweist sich als falsch. Das entzieht Menschen schnell den Boden, die sich an Dogmen klammern, weil sie eigentlich innerlich unsicher sind, was ich in meinem Reiterleben oft beobachten konnte. Andrerseits wird das Pferd als Maschine gesehen, die funktionieren muss. Schmerzgefühle werden ihm nicht zugestanden, zumal es keinen Schmerzlaut hat wie andere Säugetiere.

So dynamisch dieser Sprung auch aussieht und so gut die Reiterin den Pferderücken entlastet. Es ist kein Geheimnis, dass mind. 4 Pferde verschlissen werden im Training, bis man ein Pferd findet, das die Belastungen physisch und psychisch für eine begrenzte Zeit überlebt. BU Bernd Paschel, © Pixabay

Christina Ledermann Ich würde das nicht nur auf die psychische Ebene reduzieren. Dressur, Springreiten, Rennsport und die Zucht sind ein Millionengeschäft, für das letztlich die Pferde bezahlen. Sie werden mit umstrittenen Trainingsmethoden, Doping, Elektroschocks, Nervenschnitt, Angst und teilweise Folter zu widernatürlichen Höchstleistungen getrieben, wobei sogar der Tod in Kauf genommen wird. Vor kurzem erst musste ein Wallach nach einem Sturz beim bekannten Vielseitigkeitsreiten in Luhmühlen eingeschläfert werden. Beim Derby in Hamburg-Horn brachen sich am 4. Juli die Stuten Tabanike und Molly Moon in den Rennen jeweils ein Bein und wurden ebenfalls noch auf der Rennbahn eingeschläfert. Das Sterben von Pferden auf Galopprennbahnen ist Usus und ich befürchte, das interessiert die Veranstalter wenig. Was sie stattdessen  beklagen, ist ein Rückgang der Wetteinsätze und der Zuschauerzahlen.

Galoppsport: Absurderweise in der zum Scheitern verdammten Hoffnung, das Ersticken des Pferdes am Gebiss zu verhindern, wird die Zunge mit einem Zungenband an den Unterkiefer gebunden. BU Bernd Paschel – © Pixabay

Bernd Paschel Nicht alle Reiter missbrauchen vorsätzlich ihre Pferde! Es gibt Reiter, dazu gehören einige Berufsreiter, die vielleicht keine Angst beim Reiten haben und trotzdem mit Gebiss reiten, weil es auf dem Turnier vorgeschrieben ist. Sie haben aber berechtigte Angst vor Nachteilen durch ihren Verband, offen ihre Meinung zu vertreten. Es gibt Angestellte in der Pferdeartikelindustrie oder Besitzer von Reitställen, die schweigen, weil sie gut oder schlecht damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Es gibt aus meiner Erfahrung auch mittlerweile immer mehr Hufschmiede, die selbst ohne Eisen reiten, aber Pferde beschlagen, weil die Mehrheit der Pferdebesitzer das will, obwohl die schädigende Wirkung des Beschlages bekannt sein sollte. Für das Anbringen von Hufeisen erfahre ich leider immer wieder die abenteuerlichsten Begründungen,

Christina Ledermann In diesem Zusammenhang sollten wir noch über die „artgerechte Haltung“ reden.

Bernd Paschel Es tut mir leid, aber dieses wichtige Thema müssen wir verschieben. Lassen sie uns ein zweites Interview dazu planen und vorher Lesetipps geben, ich hätte dazu zwei:

  1. Maksida Vogt, Artgerechte Pferdefütterung, 293 Seiten, Herausgeber: Equales productions, April 2017, Preis 33,50 EUR
  2. Uwe Weinzierl: Artgerechte Haltung, 2018 ( kostenlos als download )

Christina Ledermann Ich könnte „Artgerechte Haltung von Pferden“ von Maximilian Pick (u.a.) empfehlen. Es hat 128 Seiten, erschien 2016 im Tredition Verlag und kostet 18,99 EUR. Darin werden die grundlegenden Voraussetzungen einer tierfreundlichen Haltung von Pferden beschrieben.

Bernd Paschel Den Tierarzt und öffentlich bestellten und beeidigten Sachverständigen Dr. Pick kenne ich natürlich. Er gehört aus meiner Sicht zu den wenigen Tierärzten, die den Mut haben, Wahrheiten zu sagen, die viele Reiter nicht hören wollen.

Weiterführende Informationen unter https://www.tierrechte.de/

Der Beitrag wurde erstveröffentlicht am 9. 7. 2018 bei Weltexpress