19. November 2017

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Wie sag ich’s meinem Kinde? – dem Kinde in mir selbst! – Mein latentes, allmächtiges Größenbild – Serie: Über die Diskrepanz der frühkindlichen Erfahrungen und Wahrnehmungen und dem späteren Erleben und der späteren Wahrnehmung (Teil 2/3)

© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2016

Frankfurt am Main, Deutschland (Salon Philosophique). Eigentlich ist es ein Zufall, in welches Milieu ich gerade hineingeboren werde, wie die Eltern sind, welche Probleme sie haben, wie das weitere Umfeld auf sie einwirkt, wie sie auf das Umfeld reagieren, und welcher Zeitgeist gerade vorherrscht. Und uneigentlich – man kann aber auch sagen, es ist kein Zufall. Dann ist das mein Schicksal, für das ich selbstverantwortlich bin, ich habe es nicht anders verdient, und schon bin ich prädestiniert für Schuldgefühle, Scham und Ängste. In diesem Geiste bin ich der Herr über alle Zufälle und in diesem Sinne ist mir ein Größenbild vermittelt. Es ist dem Familiengeist entsprungen, ja sogar dem Zeitgeist, dass ich dafür selbstverantwortlich bin. Beispielsweise basiert unsere Rechtssprechung in allen Zeiten auf dieser Selbstverantwortlichkeit, entspricht also diesem Zeitgeist.

Lassen wir wieder den Patienten zu Wort kommen, dem Versicherungsangestellten, zu Wort, wie sein verbales Innenleben abläuft. Beruflich funktioniert er sehr gut, so dass die Versicherung ihm sogar über Klinikaufenthalte und Krankheitszeiten die Treue hielt. Man hatte dank ihm einen Juristen gespart. Seine Persönlichkeit war sozusagen geteilt, einmal der oberflächlich funktionierende oder funktionale Anteil, und darunter auf einer tieferen Ebene das Kind, das früher nicht wusste, was mit ihm los war, und von Schmerzen, Verkrampfungen und Verspannungen, Schwindel und andere Symptome geplagt wurde. Während der Therapie wurden ihm die Zusammenhänge zwischen beiden Teilen klarer.

„Ich habe die Eltern allmächtig erlebt. Die Verkrampfung, die Wut heißt, ich muss mich gegen die allmächtigen Eltern wehren, gegen die Familie wehren, überall wehren, ich müsste Stärke zeigen, nur richtig wollen. Bei mir ist drin, es sind meine Schuld und mein Versagen, wenn ich es nicht richtig mache. Ich muss nur richtig machen, mich anstrengen. Die Mutter wollte auch alles richtig machen, hat sich angestrengt, dann ich ebenfalls. Wenn sie sich nicht so angestrengt hätte, dann hätte ich es auch nicht. Ich muss es auch richtig machen, weil ich, wie ich bin, ist es nicht richtig. In mir ist immer noch, ich bin noch Makel behaftet, muss den Makel beseitigen bzw. wiedergutmachen. An mir darf man nichts sehen, merken, wie ich bin, ich muss das rein waschen. Das ist was, worüber man besser nicht redet und es verbirgt, da steckt ein Makel mit drin. Das schwebt über allem. Die ewige Anstrengung ist wie eine Sisyphusarbeit. Ich glaube das tatsächlich. Es tut weh, anstrengend zu leben. Ich will das, kämpfe dagegen an, und dadurch, daß ich dagegen ankämpfe, das vermehrt den Schmerz. Dann kommt der Wunsch, der Stärkste zu sein, wenn ich nur richtig dagegen bin, stärker als alle anderen zu sein.

Ja, es darf mir nicht gut gehen, das ist ein Mechanismus, der mir das verbietet. Der Makel, der über meinen Eltern und mir liegt, den ich verbergen muss und dadurch erkenne ich ihn an. Es wurde vermittelt, das fällt mir schwer anzuerkennen, ich muss stärker sein, mich sträuben und wehren, und ich bin unbeeinflusst und stehe darüber. Dazu gehört, dass es mich in meiner Sexualität einschränkt, dass ich an was glaube, was ich verinnerlicht habe. Die Sexualität hat nach diesem Bild schlechte Folgen, bringt Kummer und Leid, vor allem ein Kind am Bein. Ich sträube mich gegen das Bild, das ich eine Belastung bin, negativ bin, zu viel bin. Das ist ein Symbol, Zeichen für etwas Belastendes und Bedrohliches. Ich bin belastet und von diesen Vorstellungen. Die Eltern sehen so viel in mir an Bedrohungen und Belastungen, aber mich sehen sie gar nicht. Ich sträube mich dagegen, ich bin doch nicht so, das bin ich nicht. Hallo hier bin ich! Sie sehen mich an und sehen in mir ihre eigenen Bedrohungen. Da ist noch was, gegen das ich mich sträuben muss, der böse Mann, das Monster, die Bestie, das Tier, Kinderschänder, Säufer, Vergewaltiger und Schläger.

Heute habe ich starke Verkrampfungen, stärker als sonst, oder ich merke sie mehr. Da ist Wut und mein gesamtes Leben dahinter. Darin bin ich involviert, wie ich mich anspanne, zusammenreiße, wie ich bin. Am liebsten möchte ich los schreien, alles aus mir heraus schreien. Noch sind die übermächtigen Eltern da, stecken noch tief in mir drin. Ich baue sie als unantastbar, unangreifbar, unbeirrbar auf. Dabei waren sie so ohnmächtig, gleichzeitig sind sie so wichtig für mich. Mein Größenbild steht in Verbindung zu den mächtigen Eltern, sie wurden zu mir, und ich wurde zu ihnen, vor deren Bild ich mich verberge. Sie sind unbeirrbar, es ist zu einem Teil von mir geworden, zu dem wurde ich, vor denen kann ich nicht bestehen.

Die anderen Menschen fließen auch ein, vor denen bin ich fehlerhaft. All die anderen, die Eltern, das Wunsch-Ich, auch Sie (der Therapeut) fließen mit ein. Ich verteidige mich dagegen. Eine andere Ebene ist, dass ich mich verurteile, überhaupt ein Größenbild zu haben, mich versuche davon zu distanzieren, zu isolieren. Es ist das Größenbild, das meinem Größenbild nichts verzeiht. Als dürfe das alles nicht sein, dass ich so bin, ich müsste über allem erhaben sein. Ein ganzes Leben, dann kann ich doch nicht einfach verzeihen. Ich bin wütend, möchte mich rächen, wehren, muss trotzig sein. Das geht doch nicht. Ich spüre nur die Anspannung, den Trotz und Widerstand. Ich muss mich doch verweigern, dabei will ich nur anerkannt werden. Ich wehre mich gegen den Ekel, die Ablehnung, was mir weh getan hat und noch tut.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich das auflösen könnte. Als müsste mich jemand erlösen, das Böse wegnehmen und mich herausholen. Es ist zu stark für mich. Es hat schon immer zwischen meinen Bildern und dem, was ich erlebte, aber nicht mit meinen Bildern vereinbaren konnte, eine Diskrepanz gegeben, weil ich die Oma und die Mutter schützen muss. Das sehe ich nicht, sehe nur zum Teil, daß sie Schmerzen mit den Männern haben und ihr Leid ist stärker als mein Wehren dagegen, böse zu sein. Deren Leid ist so stark, dass es mich überwältigt. Ich will, dass es ihnen gut geht, denn dann geht es mir auch gut. Ich kann deren Leben nicht auflösen, als müsste ihr Leben erretten. Ich bin der Retter und Erlöser. Das ist mein Größenbild. Ich kann das, wenn ich es nur richtig mache, dann bin ich der strahlende Held. Die Stimme ist neu, die über mich lächelt, die anderes sagt, ich muss nur richtig machen. Ich will das nicht hören und wissen, dass mich meine Bilder mein Leben kosten. Ich will meinen Traum leben, der nur ist, weil Mutter diese Bilder hat. Das ist der Konflikt, ich weiß es schon, nein das ist erst da, ich bin was ganz besonderes, wenn sich das auflöst, bin ich ganz normal. “

Aus der Perspektive eines Kleinkindes sind die Eltern allmächtig und, da es sich mit ihnen automatisch identifiziert, ist auch das Kleinkind allmächtig. Es verbindet den eigenen Glauben mit dem Glauben der Eltern. Es sieht ja nicht, dass die Eltern unter den Einflüssen der Umwelt stehen, deren Opfer über Generationen hinweg sind. Auch sind die Eltern total von dem Kind abhängig, wenn es sich nicht so verhält, wie die Eltern es mit aller Macht von ihm einfordern und es kontrollieren. Hinzu kommt, da es all die Gebote und Verbote der Eltern abkriegt, also sich im Zentrum ihres und seines Lebens wahrnimmt, wird die Allmächtigkeitsfantasie genährt und verstärkt. Er drückt es mit Erhabenheit, Stärke, Erretter und Erlöser aus. Andererseits wartet es in diesem Größenbild auf einen Erlöser, und gleichzeitig muß es sich gegen ihn wehren, auch gegen den Therapeuten. Das kann zu Therapieabbrüchen und -verlängerungen führen. Überhaupt ist das gesamte Weltbild von Größenphantasien durchdrungen in dem Glauben, der Opposition, dem Trotz, der Verleugnung, der Rache und der Sexualität.

Im Vorerinnerungsalter geht dieser Zusammenhang sozusagen wie von selbst in das Kind über. Er ist ja wie von selbst schon in die Eltern übergegangen, hat also eine transgenerationelle Perspektive. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm oder Birnbaum. Nur auf dem Hintergrund von Wärme und Geborgenheit, Sicherheit und Gehaltenwerden, Trost und Beruhigung, sozusagen sich auf dem Schoß geborgen zu fühlen, und einer Förderung von Autonomiebestrebungen lernt es mit zunehmendem Alter zu differenzieren. Es muss in seinem Eigenen, in seinen Eigenheiten und in seinen eigenen Wünschen bestärkt werden, um differenzieren zu lernen. Aber in manchen Zeiten, etwa während Kriegszeiten, ist das nicht möglich. So wirken Kriege noch in Normen und Regeln über Generationen fort.

Bleibt die Geborgenheit und Förderung seines eigenen Selbst aufgrund von eigenen Problemen der Mutter und der Eltern aufgrund einer Vernachlässigung oder schlechten Behandlung des Kindes aus, also Traumatisierungen, so lernt es nicht zu unterscheiden zwischen sich und dem anderen, deren Schwächen und Stärken und eigenen Schwächen und Stärken. Die Differenzierungsunfähigkeit oder der Differenzierungsmangel sind in der Folge die eigentliche Traumatisierung. Das Größen-, Allmächtigkeitsbild und Einheitsbild bzw. die Gemeinsamkeit bleiben erhalten. Es kann nicht realistischere Bilder erlernen. Dies Bild kann sich verschieden zeigen, einmal in der Erlöserphantasie in mir selbst, die Mutter und alle anderen Menschen vor dem Bösen zu erretten, zum anderen, bei eigener Ohnmacht aufgrund eines latenten Größenbildes, nur von außen durch einen großartigen Helfer, also einem gottähnlichen Wesen gerettet werden zu können. Sozusagen – die Suppe sollen die auslöffeln, die sie mir eingebrockt haben, und das auf die ganze Welt ausgebreitet. Diese Bilder sind in Religionen weit verbreitet, und daran wird buchstäblich geglaubt.

Wie weit das mangelnde Differenzierungsvermögen verbreitet ist, möchte ich am Beispiel von Schuldgefühlen aufzeigen. Schuldgefühle sind nicht die eigentliche Schuld. Es sind nur Gefühle, aber für den, der sie hat, der glaubt daran und für den sind sie Realität. Schuldgefühle oder die heftige Abweisung jeglicher Schuld, in der Heftigkeit der Abweisung steckt die Annahme der Schuld, hat schließlich jeder. Bei der Depression sind sie ein wichtiger und zentraler Teil der Erkrankung. Wenn jemand dem anderen oder sich selbst eine Schuld zuweist, weist er damit erstens auf sein eigenes Denken und den Glauben, der andere oder ich selbst haben erhaben über Schwächen und Fehler, also allmächtig zu sein, hin, zweitens, dass er nicht zwischen sich und dem anderen unterscheiden kann. Wie überhaupt, wenn jemand mit dem Finger auf den Anderen zeigt, zeigen 3 Finger unter der Hand verdeckt und unsichtbar auf ihn zurück. Der andere neigt zur Übernahme der Schuldgefühle, gibt dem Anderen recht, wenn sie schon in ihm stecken, der Boden vorbereitet ist. Automatische Schuldgefühle, ohne dass der andere mir die Schuld zugewiesen hat, weisen auf einen verinnerlichten vorauseilenden Gehorsam hin. Der zu Schuldgefühlen Neigende hat schon diese in der Kindheit gelernt, eine Gemeinsamkeit und mangelnde Selbstbewahrung und –behauptung in dieser Gemeinsamkeit. Sie waren wie von selbst in ihn übergegangen. Er glaubt dem anderen mehr als sich selbst, der Andere ist in Teilbereichen sozusagen er selbst. Er ist für ihn wie eine Mutter und ein Vater, die die Definitionshoheit besitzen.

Der Mensch ist mit Fehlern und Schwächen behaftet, und, was ein Fehler ist, ist Sache der Perspektive, ist Ansichtssache. Ich brauche nicht der Ansicht zu sein, fehlerhaft zu sein und Schuldgefühle an mir festmachen und übernehmen. Aber wie sag’ ich das meinem Kinde in mir selbst?

Wenn jemand so ungeprüft in den anderen übergeht, dem anderen glaubt mehr als sich selbst, oder sogar der Andere ist er selbst, so gerät er aufgrund seiner Größenbilder, meist verdrängt und unbewusst, mit seinem Schamgefühl in Konflikt. Er muss sich schämen vor seiner eigenen Erhabenheit und Größe und der eigenen Fehlerhaftigkeit. Er kann nämlich nicht differenzieren. So ist das Schuldgefühl eng mit dem Schamgefühl verknüpft, ich schäme mich, dass ich überhaupt Schuldgefühle habe, und beide wachsen unter den Bedingungen des Größenbildes zur Grandiosität aus. Dann kann ich nur durch eine Auf- und Abspaltung in schwarz – weiß, gut oder böse, überleben, wobei die Zusammenhänge nicht gesehen werden. In der Traumatisierung geht es immer um’s Überleben.

Man kann der Ansicht sein, die Rechtsprechung entspricht einem Größen- oder Souveränitätsbild, sozusagen erhaben über alle Einflüsse, besonders die frühkindlichen Einflüsse, und dann selbst verantwortlich zu sein. Diese Erhabenheit scheint mir eine Folge von frühkindlichen Traumatisierungen zu sein, die in allen Zeiten vorherrschend sind und sozusagen den Ton angeben. Anders ausgedrückt, aus dieser Sicht ist die Rechtssprechung und unsere Gesellschaft auf Traumata aufgebaut.

Ein anderes Wort ist der Verstand oder die Ratio, nach der der Mensch handeln soll, obwohl vieles, wenn nicht sogar das meiste, unterhalb der Verstandesschwelle abläuft und den Menschen bestimmt. Dann ist aus der Sicht mancher von Irrationalität die Rede, und er wird abgestempelt, obwohl die meisten aus irrationalen Gründen denken und handeln und/oder nachträglich rationelle Gründe anführen, um den Zeitgeist zu entsprechen. Natürlich muss der Mensch Regeln und Normen folgen, bei gleichzeitigem Achtung und Respekt vor sich und den Anderen. Aber diese müssen nicht auf Traumata aufgebaut sein, bei denen die Selbst- und Fremdakzeptanz verloren geht. Ein Hinweis ist, dass in den Augen der meisten die Achtung vor einem Verbrecher verloren geht, also zwischen der Untat und dem Menschen nicht unterschieden und er mit der Tat gleichgesetzt wird. Aber es ist einfacher die Welt in Gut und Böse zu trennen, als die frühkindlichen, unbewussten Gründe mit zu berücksichtigen. Die Aufspaltung wiederum ist eine Traumatisierungsfolge.

Im 3. Teil möchte ich auf die Fortpflanzung, vor allem die psychologische Fortpflanzung zu sprechen kommen. Sie ist das wertvollste menschliche Gut und in ihr kommt die Zwischenmenschlichkeit zum Ausdruck, und die sie vermittelnde Sexualität unter den Bedingungen der Traumatisierung, des Größenbildes, der Spaltung in gut – böse, der Selbstverantwortlichkeit und der Strafe.

Anmerkung:

Vorstehender Artikel von Bernd Holstiege wurde am 03.12.2015 im WELTEXPRESS erstveröffentlicht.

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