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Wer ist hier der Sportler, der Mensch oder das Pferd? – Rudy Köhler im Exklusivinterview

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Am Anfang war der Huf. Aufnahme aus dem Jahr 2017. © Rudy Köhler

Remscheid, Deutschland (Salon Philosophique). Rudy Köhler steckt die Hufschmiedekunst im Blut, schon sein Opa und Uropa waren Hufschmiedemeister. Als Dipl.-Ing. Maschinenbau mit langjähriger Erfahrung im Bereich der Grundlagenforschung, hat er ein sehr lehrreiches und bewegtes Leben hinter sich. Er kam im Jahr 2000 im Zusammenhang mit einem gemeinnützigen Chile-Projekt als Quereinsteiger zur Hufbearbeitung. Mittlerweile ist er F-Balance-Professional und enger Vertrauter von Daniel Anz.

Seine Erkenntnis nach jahrelanger Forschung: „Die Natur ist der einzige objektive Maßstab, den wir haben. Wer sich daran orientiert, kann nicht irren!“

Für das Pferd gilt: „Man lässt dem Pferd was dem Pferd gehört und nimmt was zu viel gewachsen ist. Nur ständiges Hinterfragen und Forschen kann uns hier – wie in allen anderen Bereichen auch – weiterbringen. Kein Pferd, kein Huf kann mit einem anderen verglichen werden, sie sind allesamt einzigartig.“

Das Interview

Paschel: Lieber Rudy, obwohl wir auch einzigartig sind, haben wir festgestellt, dass wir gemeinsame sportliche Hobbys haben, wie Kampfsport, Bergsteigen und Klettern.
Reiten ist für mich eigentlich keine Sportartart, sondern eher eine Kunst, nämlich eine Kunst der Kommunikation ohne Gewalt. Den eigentlichen Sport übt das Pferd aus im Sinne des Trainings und des Zusammenspiels der verschiedenen konditionellen Fähigkeiten, wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Beweglichkeit, sowie der koordinativen Fähigkeiten.

Köhler: Stimmt, die eigentliche sportliche Aktivität übt das Pferd aus, der Reiter ist wohl eher sein Trainer. Ein bisschen so etwas wie der Rucksack beim Wanderer. Heutzutage dürften die meisten Pferde jedoch, sowohl von der Trainingsintensität als auch von der -dauer her, wohl kaum über die Aufwärmphase hinauskommen.
Interessant ist jedoch, wenn wir schon beim Sport sind, dass die physiologischen Vorgänge beim Pferd (wie bei jedem anderen Säugetier auch) im Wesentlichen mit denen des Menschen identisch sind. Wir können also vieles, was wir vom Menschen her kennen, auf das Pferd übertragen und umgekehrt. Beispiele sind etwa das Konditionstraining oder die sogenannte Fühligkeit. Ziehen wir etwa unsere Schuhe aus und laufen neben unserem Pferd her, dann werden wir schnell ein Gefühl dafür bekommen, welche Untergründe für unser Pferd „schwieriger“ sind. So manche Vorgänge werden auf diese Weise für uns Menschen verständlicher.

Paschel: Der Mangel an Bewegung ist bekanntlich bei Menschen die Ursache für viele Krankheiten, nicht nur am Bewegungsapparat. Das gilt für Pferde um ein Mehrfaches. Aus meiner Erfahrung, würde ich sagen, etwa das Vierfache.

Köhler: Warum gerade vier? Aus der Forschung kommend, bin ich mit konkreten Zahlenangaben immer sehr vorsichtig. Diese müssen stets objektiv begründet werden können. Dass Pferde schneller auf manche Reize reagieren als Menschen, entspricht auch meiner Erfahrung. Das könnte damit zu tun haben, dass es sich um Fluchttiere handelt. Vielleicht auch damit, dass ihre maximale Lebenserwartung, gegenüber der des Menschen, auch um einiges niedriger ist und dass sie viel schneller ausgewachsen sind?

Ein interessantes Forschungsthema!

Paschel: Das ist ein ganz subjektiver Eindruck, den ich mehrfach durch das Training beim Radfahren überprüft habe, das sich mit meiner zweiten „Karriere“ im Reiten zeitlich überschnitten hat.
Das wissenschaftlich zu untermauern, bedürfte es mindestens einer Doktorarbeit. Die Parameter in Kraft und Ausdauer und dazu gehörige Laktatmessungen finden mittlerweile routinemäßig bei Profiradrennfahren statt und sind auch im Triathlon und sogar im Breitensport beim Radfahren zu finden.
Ein hartes Intervall-Training am Berg, das unter Radrennfahrern über der anaeroben Schwelle stattfindet, zeigte bei mir nach ca. 2 Wochen eine subjektive Verbesserung meiner Leistungsfähigkeit. Eine ähnliche Erfahrung machte ich regelmäßig nach dem Trainingslager im März auf Mallorca, wo wir manchmal in 2 Wochen ca. 4 vergleichbare Trainingsfahrten unternahmen. Danach kam der Effekt zuweilen noch verzögerter.
Als Freizeitreiter konnte ich bei Pferden oft schon nach ca. 3-4 Tagen eine positive Wirkung auf den Trainingszustand beobachten, wenn ich im Frühjahr gezielt Trainingsreize setzte nach der Winterpause mit überwiegend Bewegung im Grundlagenbereich.
Wir haben beim Radfahren gelegentlich darüber spekuliert, dass es auch so etwas wie ein Körpergedächtnis gibt, das der Körper durch ein jahrelanges Training entwickelt. Durch gezielte Trainingsreize wird in kurzer Zeit ein hohes Maß an Leistungsbereitschaft erzeugt, nicht nur dass Bewegungsabläufe erweckt werden, die im Körpergedächtnis gespeichert waren.

Köhler: Meine langjährige sportliche Erfahrung hat mit gezeigt, dass es vermutlich tatsächlich so etwas wie ein „Körpergedächtnis“ gibt: Wer intensiv Sport getrieben hat und es dann über einen längeren Zeitraum nicht mehr tut, baut mehr oder weniger schnell ab. Wer dann wieder anfängt, intensiv Sport zu treiben, wird schneller wieder eine entsprechende Kondition aufbauen als jemand, der noch nie Sport getrieben hat. Dieses gilt besonders, wenn (altersgemäß angepasst) intensiv Sport in der Kindheit und Jugend getrieben wurde. Diese Anlage bleibt und kann später wieder abgerufen werden.

Paschel: Ein Pferd, das überwiegend in der Box steht, ist natürlich besonders gefährdet durch Bewegungsarmut?

Köhler: In diesem Zusammenhang interessant ist wohl auch die heute übliche Redewendung „Mein Pferd steht im Stall XY“. Es steht einfach, es lebt nicht. Beim Menschen hingegen sprechen wir im gleichen Kontext von „leben“ und nicht von stehen oder sitzen. Tatsächlich dürfte diese Redewendung auf die meisten Pferde zutreffen. Dass so ein akuter – und leider durchaus üblicher – Bewegungsmangel zu verschiedenen Krankheitsbildern führt, ja sogar führen muss, ist hinlänglich bekannt.
Bedenken wir, dass bis vor rund einhundert Jahren Pferde den ganzen Tag über hart arbeiten mussten. Wenn sie nachts in einer Box (= engl. Kiste!) stehen mussten, so war das sicherlich nicht schlimm. Heutzutage werden die Pferde i.d.R. viel zu wenig bewegt, stehen aber trotzdem häufig noch in Boxen. Auch die sogenannten Paddockboxen ändern an diesem Zustand nicht viel. Bewegungsmangel ist also Programm. Erfreulich ist aber, dass es inzwischen doch schon Initiativen, u.a. Paddock-Trails und Aktivställe, gibt, die das Ziel verfolgen, das tägliche Bewegungspensum ohne aktives Zutun des Menschen deutlich zu steigern. Das ist sicher schon ein Schritt in die richtige Richtung. Tradition, Ängste, Bequemlichkeit und der Zeitgeist dürften wohl die wichtigsten Gründe dafür sein, dass die Entwicklung hin zu einem weitgehend natürlichen Bewegungsverhalten von Pferd und Mensch nur zögerlich voranschreitet. An einem Mangel an verfügbarem Wissen kann es wohl kaum liegen.

Paschel: Das Grundprinzip der Leistungsverbesserung im Sport ist bekanntlich die Anpassung an erhöhte Trainingsreize, nicht nur im muskulären Bereich, sondern auch Gelenke und Knochen passen sich an. Osteoporose-Betroffene kennen das. Anpassung ist auch die Grundlage unserer Gesundheit, wobei allerdings die Trainingsreize eher im mittleren Bereich liegen, wo es nicht um Leistungssteigerung, sondern Leistungserhalt geht. Hier ist auch die Stärkung der Immunabwehr von zentraler Bedeutung.

Köhler: Da sind wir uns einig. Neben der Bewegung sind, aus ganzheitlicher Sicht, etliche weitere Faktoren unabdingbar, die das Ganze ausmachen. Wichtig zu wissen ist, dass alle Faktoren berücksichtigt werden müssen, wenn das Ziel, dauerhafte Gesundheit und Wohlbefinden des Pferdes, erreicht werden soll. Dieses zeigt schematisch Abb.1. Eine ausführliche Behandlung des Themas würde den Rahmen dieses Interviews bei Weitem sprengen.

Abb.1 Das Pferd ist ein offenes System, BU und © Rudy Köhler

Ergänzen möchte ich noch: Die Anpassung erfolgt stets sowohl in Richtung Verbesserung als auch Verschlechterung. Bei Bewegungsmangel bilden sich alle betroffenen Strukturen entsprechend zurück. Sind die Reize ausreichend stark (aber nicht zu stark), dann erfolgt eine allmähliche Anpassung an diese neue Situation. Dieses gilt nicht nur im sportlichen Bereich im engeren Sinne, sondern beispielsweise auch für die Anpassung der Hufe an anspruchsvollere Untergründe – Stichwort Fühligkeit. Steht (!) das Pferd überwiegend auf weichen (Sand, Stroh, Matsch, Gummimatten o.ä.) oder harten aber ebenen Untergründen (Beton, Asphalt, plane Pflastersteine o.ä.), dann wird sich die Sohle i.d.R. bis auf ein biologisches Minimum zurückbilden. Das Pferd wird dann auf anspruchsvolleren Böden „fühlig“ laufen. Wie wir, wenn wir, ungeübt, die Schuhe ausziehen und über ebensolche Böden laufen. Soll sich dieser Zustand ändern, dann ist ein entsprechendes Sohlentraining unabdingbar. Auch hier muss, genau wie bei der Steigerung der körperlichen Fitness, wohldosiert und oft genug trainiert werden. Hierfür gibt es vielfältige Möglichkeiten (s. Abb. 2 und 3). Leider gibt es immer noch genug Menschen, die meinen, dass es Tierquälerei sei, ein Pferd, egal, ob es das gewöhnt ist oder nicht, auf „anspruchsvollen“ Böden zu halten. Hier liegt offenbar ein Wissensmangel vor.

Abb2 Flusskiesel: Sehr gut geeignet als Einstieg in ein leichtes Sohlentraining, BU Bernd Paschel, © Rudy Köhler

Paschel: Welche Krankheiten durch deformierte Hufe entstehen können, ist mir erst richtig bewusst geworden, nachdem ich das Buch von Dr. Hiltrud Strasser gelesen habe, und auch bei symptombezogenen Behandlungen von Tierärzten bin ich kritischer geworden.

Köhler: Das neue, im Herbst 2018 erschienene Buch von Dr. Strasser habe ich selbstverständlich auch. Selbstverständlich, weil ich, aus der Forschung kommend, immer und möglichst unvoreingenommen bemüht bin, über den berühmten Tellerrand zu schauen auf der Suche nach neuen Erkenntnissen. Ich habe dieses umfangreiche Buch noch nicht durchgearbeitet, sondern, aus Zeitmangel, lediglich überflogen. Es ist jedoch hochinteressant und behandelt nicht nur direkt die Hufe, sondern auch die äußeren Faktoren, die darauf einwirken. Einen Kommentar kann ich noch nicht abgeben, denn dazu ist es notwendig, das Buch – und das gilt zumindest für alle Fachbücher, insbesondere solche mit wissenschaftlichem Anspruch! – sehr genau von Anfang bis Ende durchzustudieren. Schon ein beim Lesen nicht beachtetes Komma oder eine nicht wahrgenommene Deklination oder eine übersehene Silbe, können die beabsichtigte Aussage verfälschen und zu vollkommen anderen Schlüssen führen.
Jeden guten Hufbearbeiter – als Sammelbegriff für alle Profis, die mit Hufen zu tun haben – zeichnet eine regelmäßige Weiterbildung und die stete Suche nach neuen Erkenntnissen aus. Weil es im Bereich der Hufbearbeitung noch sehr viel zu (er)forschen gibt. Jede Fixierung auf ein „System“ oder das Verharren auf einem Niveau muss zu Fehlern führen. Ich selbst plädiere außerdem immer für eine gute Kommunikation zwischen dem Pferdebesitzer und allen (!) Akteuren rund ums Pferd. Weil wir nie alles wissen können und weil nur die Betrachtung des Ganzen langfristig zu positiven Ergebnissen führen kann. Jeder Huf hängt an einem Bein und dieses am Pferdekörper und das Pferd ist eingebettet in sein Umfeld.

Paschel: Eingebettet ist gut. Viele Pferdehalter glauben, ihren Pferden etwas Gutes zu tun, wenn sie Sand und Gummimatten auslegen, um die Pferdehufe zu schonen. Das ist vergleichbar mit dem Glauben, dass Eisen ein Hufschutz sei, als ob man den Verlust der Elastizität, erzeugt durch das Eisen, kompensieren könne durch einen Gummiboden.

Pflasterung mit runden Steinen: Ideal für passives Huf- und Gelenktraining, 2017. © Rudy Köhler

Köhler: Schon die alten Hufschmiedelehrbücher aus dem 19. Jahrhundert klärten umfassend über die negativen Wirkungen von Hufeisen auf. Das ist also keine neue Erkenntnis von „alternativen“ Hufprofis. Damals war die Situation jedoch eine vollkommen andere als heute. Das American Farriers Journal stellte im Jahr 2000 fest: „Von den 122 Millionen Pferden weltweit sind höchstens 10% klinisch gesund. Ca. 10% (12,2 Mio.) sind klinisch unnutzbar lahm. Die restlichen 80% (97,6 Mio.) dieser Pferde sind etwas lahm … und würden einen Gesundheitstest nicht bestanden.“ Heute dürfte die Situation kaum anders sein. Anders ausgedrückt bedeutet das, dass die allermeisten Pferde, streng genommen, krank sind. Für kranke Pferde gelten natürlich andere Bedingungen als für gesunde. Häufig auch bezogen auf die Bodenverhältnisse. Das erklärte Ziel solle jedoch sein, so zumindest meine Vorstellung, dass die Pferde wieder gesund und somit leistungsfähig und lebensfroh werden. Spätestens dann müssen wir uns Gedanken über den Weg dorthin machen.
Wenn ich zu einem neuen Kunden komme, dann interessiere ich mich immer auch für den Lebensraum genau dieses Pferdes: die Box, den Auslauf, die Wege, die es täglich zur Weide zurücklegt, die Weiden, usw. Insbesondere die Untergründe. Ich frage ebenso auch nach dem Bewegungsverhalten und danach, was täglich oder wöchentlich oder wie oft auch immer, mit dem Pferd im Sinne von Training (Laufen, Gymnastizierung, usw.) gemacht wird. Weil das bei jeder ordentlichen Hufbearbeitung eine Rolle spielt. Bei mir gibt es weder ein Schema F noch ein „Husch-Husch-Pfusch“. Schließlich geht es mir darum, dass die Hufe auch langfristig gut bleiben oder, sofern in schlechtem Zustand, im Rahmen des (noch) Möglichen, immer besser werden. Das geht nicht oder nicht so schnell ohne die Berücksichtigung der besonderen Lebensumstände des Pferdes.

Paschel: Da mir zuweilen unterstellt wird, dass ich zum „Verein Strasser“ gehöre, da ich Frau Dr. Strasser oft bei Weltexpress zu Wort kommen lasse, habe ich einigen führenden Vertretern anderer Hufschulen ein Interview angeboten, aber leider, außer bei Daniel Anz und dem F-Balance-Konzept, ohne Erfolg, obwohl ich 100%ig unabhängig und mir mein Urteil rein auf der Grundlage der mir vorliegenden Informationen bilde. Frau Dr. Strasser hat auf der Grundlage ihrer medizinischen Kenntnisse einfach ein hohes wissenschaftliches Niveau, das man vielleicht bei Hufpflegern nicht unbedingt erwarten kann. Ihre Kritik richtet sich deshalb auch sehr massiv gegen Tierärzte, die nur symptombezogen denken, und gegen die Fehler in der Ausbildung der Veterinärmediziner an den Hochschulen, wo das ganzheitliche Konzept der Hufbearbeitung nur am Rande steht.

Köhler: Vermutlich, weil ich aus der Forschung komme, höre ich mir stets sehr genau an, was mir meine Kunden im Zusammenhang mit anderen Hufbearbeitern und deren Methoden erzählen. Und bilde mir kein Urteil. Häufig stellt sich heraus, dass der genannte Hufbearbeiter zwar behauptet, nach Methode XY zu arbeiten und es meist wohl auch selber glaubt, seine „Werke“ tatsächlich aber nichts mit der von ihm vertretenen Methode zu tun haben.

Abb.4 Rudy Köhler bei der F-Balance-Fachtagung 2018, BU und © Rudy Köhler

Pferdebesitzer haben meist keine fundierten Kenntnisse in Sachen Hufbearbeitung. Sollten sie auch nicht haben müssen, da hierfür eigentlich die Hufbearbeiter zuständig sind. Tatsache ist jedoch, dass sich in diesem Bereich viele tummeln, die, wie gesagt, keine wirkliche Ahnung haben von dem, was sie tun. Deshalb suche ich nach wie vor nach einer möglichst einfachen Methode, damit Pferdebesitzer erkennen können, ob der Hufbearbeiter ihres Pferdes ihrem Pferd, speziell seinen Hufen, insbesondere langfristig guttut oder nicht. Ich habe leider noch keine gefunden. Einige wichtige Aspekte in diesem Zusammenhang sind, neben dem notwendigen handwerklichen Geschick und einem fundierten Wissen, jedoch eine regelmäßige Weiterbildung, die ganzheitliche Betrachtung, zu der u.a. auch das o.g. Besichtigen des Lebensraumes des Pferdes gehört, und eine gepflegte Kommunikationskultur, was bedeutet, dass der Hufbearbeiter sich auf die Fragen und Zweifel seiner Kunden einlässt, darauf positiv reagiert und seinen Kunden erklärt, was er warum tut.
Und sollten wir trotz allem nicht weiterkommen, dann können wir uns immer noch an das erinnern, was wir – hoffentlich – einmal im Biologieunterricht gelernt haben und das meine Arbeitsgrundlage darstellt: „Die Natur ist der einzige objektive Maßstab, den wir haben. Wer sich daran orientiert, kann nicht irren!“ Auf die Hufe bezogen bedeutet das: Wenn die Hufbearbeitung naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. Gesetzmäßigkeiten zuwiderläuft, dann kann sie nicht richtig und somit auch nicht zielführend sein.

Paschel Zwischen den einzelnen Hufschulen sollte mehr Bereitschaft sein zum Gedanken- und Informationsaustausch. Aus meiner Sicht als Außenstehender herrscht da ein erbitterter Konkurrenzkampf, der Niemandem wirklich nützt außer den Pferdemenschen, die ein mechanistisches Pferdebild haben als Nutztier oder Maschine.

Köhler: Diese Problematik kenne ich. In der Tat sollten nicht nur die Hufschulen, sondern auch alle Akteure, die mit dem Pferd zu tun haben, ein gutes Miteinander und einen konstruktiven Austausch pflegen. Als Verwalter des F-Balance-Systems von Daniel Anz erreichten mich gelegentlich „Kritiken“ in Form von schriftlichen Kommentaren, teils mit Foto, von Vertretern und sogar Ausbildern anderer Hufbearbeitungssysteme. Sie beschwerten sich darüber, dass der entsprechende F-Balance-Profi eine miserable Hufbearbeitung gemacht habe. Nun, da solche Probleme nicht zufriedenstellend auf dem schriftlichen Wege lösbar sind, haben wir sie eingeladen, kostenlos an einem F-Balance-Seminar ihrer Wahl teilzunehmen, um die von ihnen angestoßene Problematik zu diskutieren. Das Ergebnis war stets, dass überhaupt keine Reaktion mehr kam.
Das erinnert mich etwas an das Kommunikationsverhalten in den sogenannten Sozialen Medien. Vieles, was dort geschrieben wird, würden sich die Verfasser nicht zu sagen trauen, wenn sie den Adressaten direkt gegenüberstehen würden. Jedenfalls: das Interesse an einem wertfreien Austausch zwecks Klärung der Fragestellung war in den mir bekannten Fällen offensichtlich nicht vorhanden.
Dort, wo aufgrund mangelnden Wissens der Glaube zum Dogma mutiert, wird’s gefährlich – insbesondere für die Pferde, die sich nicht wehren können.

Paschel: Der Gesetzgeber hat z. B. für Ärzte und Psychotherapeuten eine dokumentierte Fortbildung gesetzlich verankert. Die Fortbildungsinstitute sind frei wählbar. Wäre ein solches Konzept nicht auch bei Hufpflegern mit abgeschlossener Ausbildung sinnvoll als erster Schritt der Annäherung?

Köhler: Eine gewisse Reglementierung wäre sicher sinnvoll. Anfangen könnte man etwa mit den naturwissenschaftlichen Grundlagen, also mit den Erkenntnissen aus Biologie, Physik, Chemie und Geologie (mehr Naturwissenschaften gibt es nicht). Diese sind wertfrei, das heißt, dass ihre Erkenntnisse, anders als häufig bei den angewandten Wissenschaften, wie etwa die Medizin, keinen wirtschaftlichen Zwängen unterliegen. Sie sollten somit für alle Hufbearbeitungssysteme gleich sein, da sie die Natur des Pferdes wesentlich und unabänderlich bestimmen. Auch was die handwerklichen Erfordernisse, etwa den Umgang mit Hufraspel und Hufmesser, angeht, dürfte es keine wesentlichen Unterschiede zwischen den Hufschulen geben. Weiter könnten die „allgemeinen Eigenarten“ der verschiedenen Hufschulen wertfrei gelehrt werden, damit sich die Schüler einen Überblick verschaffen können.
Nach bestandener Zwischen- oder Basisprüfung (Pflicht für alle!) könnte eine Spezialisierung nach Hufschulen stattfinden. Dann würde jeder Hufbearbeiter entsprechend seiner „Überzeugung“ sich für die eine oder andere oder mehrere Hufschulen entscheiden. Das heißt also, es müssen nicht die verschiedenen Systeme „zusammengeführt“ werden, sie können durchaus auch nebeneinander sinnvoll agieren und ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen. Es gilt aber nach wie vor das, was ich oben schon gesagt habe: Wenn die Hufbearbeitung naturwissenschaftlichen Erkenntnissen bzw. Gesetzmäßigkeiten zuwiderläuft, dann kann sie nicht richtig und somit auch nicht zielführend sein. Spätestens hier wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Hieran müssen sich, auch unabhängig von jeder Reglementierung, alle messen lassen und darin liegt vielleicht das Problem der mangelnden Bereitschaft zum wertfreien Informationsaustausch?
Gerne werde auch ich – diese Einladung besteht ja bereits seitens der F-Balance mit Daniel Anz – mich mit den Vertretern der verschiedenen Hufschulen und mit meinen Kollegen sowie Tierärzten, Osteopathen, und allen anderen Akteuren rund ums Pferd auf die eine oder andere, sinnvolle Art, austauschen, um gemeinsam neue Erkenntnisse zu suchen, Wissen zu vertiefen und damit zum Wohl der Pferde beizutragen. Diese Einladung steht!

Paschel: Lieber Rudy, vielen Dank für deine klaren Aussagen. Mit Deinen „druckreifen“ Worten hast du hoffentlich nicht nur mich wieder ein Stück weiter gebracht auf meiner Suche nach einem ganzheitlichen pferdegerechten Konzept im Zusammenleben mit Pferden.

Anmerkung:

Weiterführende Informationen unter pfit.eu im Weltnetz.

Der Beitrag wurde erstveröffentlicht am 14. Februar 2019 bei Weltexpress